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Countdown zur WM in Aachen

Drei Personen, drei Gespräche, drei Perspektiven

Die grüne Saison läuft, die Weltmeisterschaften in Aachen rücken näher. Dressur-Bundestrainerin Monica Theodorescu und die deutschen Kaderreiter Frederic Wandres und Moritz Treffinger sprechen in Interviews über Saisonauftakt, Entwicklungen, Ziele, ihre Einstellung zum Sport und natürlich die WM in Aachen – jeder mit seiner ganz eigenen Perspektive auf dieses Saisonhighlight.

Hat „ihre“ Reiter wie hier Frederic Wandres genau im Blick: Bundestrainerin Monica Theodorescu. Alle Fotos: Stefan Lafrentz

„Harmonisches Reiten ist unser Maßstab“

PM-Forum: Monica Theodorescu – wie bewerten Sie den Saisonstart – auch mit Blick auf Fontainebleau und Hagen?

Monica Theodorescu: Der Saisonstart ist uns insgesamt sehr gut gelungen. Für mich hat er bereits in Fontainebleau begonnen, direkt im Anschluss an das Weltcup-Finale. Das war ein wichtiger erster Gradmesser mit einem sehr starken Teilnehmerfeld. Wir haben bewusst Reiter unterstützt, die früh in die Saison starten wollten – und das hat sich ausgezahlt. Die Bedingungen waren hervorragend, genauso wie in Hagen. Und wenn Pferde sich wohlfühlen, sieht man das unmittelbar an den Leistungen. Der Nationenpreissieg und viele gute Ritte – auch von Paaren, die noch nicht im absoluten Fokus stehen – stimmen mich sehr positiv für den weiteren Verlauf der Saison.

PM-Forum: Was nehmen Sie aus diesen ersten Turnieren für die weitere Entwicklung mit?

Monica Theodorescu:  Eine ganz klare Erkenntnis: Harmonisches, losgelassenes Reiten wird belohnt. Das sehen wir in den Ergebnissen – und das ist auch die Richtung, in die wir weiterarbeiten müssen. Pferde, die zufrieden wirken, die locker gehen und dadurch Ausstrahlung entwickeln, überzeugen. Das ist nicht nur für Fachleute erkennbar. Auch Zuschauer ohne tiefes Hintergrundwissen sehen sofort, ob ein Ritt harmonisch ist oder nicht. Harmonie wird in Zukunft noch wichtiger werden.

PM-Forum: Wie wird Dressur Ihres Erachtens in der Öffentlichkeit wahrgenommen?

Monica Theodorescu: Dressur fasziniert Menschen, nicht nur jene, die selbst reiten. Um Dressur gut zu finden, ist das Gesamtbild des Pferd-Reiter- Paares entscheidend. Wenn ein Pferd sich wohlfühlt und gerne arbeitet, dann spricht das auch Menschen außerhalb des Sports an. Umgekehrt gilt genauso: Bilder, die nicht überzeugen, werden kritisch hinterfragt. Dieses Bewusstsein hat deutlich zugenommen. Dessen sind wir uns bewusst. Unsere Arbeit als Bundestrainer und Ausbilder orientiert sich an klaren Werten: der Skala der Ausbildung, dem Ausdrucksverhalten und der Gesundheit des Pferdes. Wir möchten Sport mit motivierten, losgelassenen und ausdrucksstarken Pferden zeigen.

PM-Forum: Welche Rolle spielt das mit Blick auf Aachen 2026?

Monica Theodorescu: Eine zentrale. In Aachen wird die internationale Aufmerksamkeit enorm sein – sportlich, aber auch gesellschaftlich. Wir müssen zeigen, dass unser Sport verantwortungsvoll betrieben wird und das Pferd dabei im Mittelpunkt steht. Das heißt nicht, dass es auch im Spitzensport nicht mal einzelne Fehler oder auch einmal einen angespannten Moment geben kann. Entscheidend ist das Gesamtbild in der Prüfung und auch schon auf dem Vorbereitungsplatz. Wenn wir den Pferdesport langfristig sichern wollen – auch im olympischen Kontext –, müssen wir überzeugen.

PM-Forum: Viele fragen sich bereits, wer in Aachen im Team starten wird. Wie früh legen Sie sich fest?

Monica Theodorescu: Noch gar nicht. Wir haben in Balve bei den Deutschen Meisterschaften und im Sommer in Hagen a.T.W. unsere offiziellen Sichtungen. Danach entscheiden wir. Das deutsche Team ist keine geschlossene Gesellschaft. Auch neue Paare sollen ihre Chance bekommen, sich zu empfehlen. Zudem wissen wir: Im Pferdesport kann jederzeit etwas passieren. Deshalb ist es wichtig, in der Breite gut aufgestellt zu sein – und das sind wir.

PM-Forum: Was wünschen Sie sich persönlich für Aachen 2026?

Monica Theodorescu:  Ich wünsche mir, dass wir Sport zeigen, hinter dem wir alle stehen können. Natürlich wollen wir erfolgreich sein – das gehört dazu. Aber genauso wichtig ist für mich, dass wir harmonische Bilder zeigen und eine positive Atmosphäre schaffen.

Monica Theodorescu ist bereits seit 2012 Bundestrainerin der deutschen Dressurreiterei – als erste Frau in diesem Amt.

Wenn uns das gelingt, wird Aachen nicht nur sportlich erfolgreich, sondern auch ein starkes Signal für den Pferdesport insgesamt. Das ist mir besonders wichtig.

PM-Forum: Was macht Aachen für Sie persönlich so besonders?

Monica Theodorescu: Die Atmosphäre. Gerade die Momente im großen Stadion – das Publikum, die Stimmung – das ist einzigartig. Das sind Eindrücke, die bleiben.

„Aachen wird eine besondere Dimension haben“

Frederic Wandres und Bluetooth OLD sind ein eingespieltes Team.

PM-Forum: Herr Wandres, was bedeutet dieses Jahr für Sie – mit der WM im eigenen Land und dem Blick auf Aachen?

Frederic Wandres: Es ist ein extrem aufregendes Jahr. Paris war natürlich ein absolutes Highlight unserer Karriere. Jetzt rückt Aachen immer näher – eine Weltmeisterschaft im eigenen Land, das ist schon etwas ganz Besonderes. Wir lieben das Turnier in Aachen ohnehin. Dort nun auch noch eine WM zu reiten, wäre ein echter Traum. Wenn man es einmal greifbar macht:

In Paris waren etwa 16.000 Zuschauer im Stadion, in Aachen sprechen wir im Dressurviereck – im Springstadion – von rund 45.000. Allein die Vorstellung sorgt schon für Gänsehaut.

PM-Forum: Wie gehen Sie diese entscheidenden Monate bis dahin an?

Frederic Wandres: Mit einem klaren Plan – das ist für mich essenziell. Den haben wir gemeinsam mit unserer Bundestrainerin Monica Theodorescu bereits rund um den Jahreswechsel aufgestellt. Natürlich kann sich immer etwas verschieben, aber ein Grundgerüst gibt Sicherheit. Wir sind in Fontainebleau in den Nationenpreis gestartet – das war bewusst als Saisonauftakt geplant und hat sehr gut funktioniert. Danach folgen jetzt die Deutschen Meisterschaften und dann schauen wir weiter Richtung Aachen.

PM-Forum: Wie sehr verändert eine Heim-WM den Druck für Sie als Reiter?

Frederic Wandres: „Abgebrüht“ werde ich nie sein – und das will ich auch gar nicht. Diese Sensibilität gehört für mich dazu. Ich bin eher jemand, der sich immer wieder neu beweisen will und sich nicht zu sicher fühlt. Der Konkurrenzdruck ist da, klar. Es kommen immer neue Paare dazu. Aber genau das macht es auch spannend – wenngleich es manchmal nervenaufreibend ist.

PM-Forum: Wie schaffen Sie es, bei all dem auf Ihrem Weg zu bleiben?

Frederic Wandres: Früher habe ich mich schnell verunsichern lassen, wenn ich zu viel auf andere geschaut habe. Heute sehe ich das anders: Ich kann nicht beeinflussen, was die anderen machen. Entscheidend ist, dass wir unser Ding so gut wie möglich machen. Am Ende zählt die Leistung – und davor haben wir es in der Hand, uns optimal vorzubereiten. Wir sind ein eingespieltes Team. Das ist unsere große Stärke.

PM-Forum: Ihr Pferd Bluetooth OLD spielt dabei eine zentrale Rolle. Wie sieht Ihr gemeinsamer Weg aus?

Frederic Wandres: Wir kennen uns lange und ich habe gelernt: Weniger ist manchmal mehr. Er braucht seine Routine, auch gezielte Ruhephasen. Und: Er genießt es, verwöhnt zu werden. Vor Turnieren bekommt er eine ganz besondere VIP-Betreuung – und fordert die auch ein. (lacht) Genau das braucht er, und das gehört für mich dazu.

PM-Forum: Wie wichtig ist dieses Selbstbewusstsein auch für die Pferde?

Frederic Wandres: Sehr wichtig. Pferde merken, wenn sie sich „gut fühlen“. Und wir als Menschen tragen viel dazu bei. Je länger man zusammenarbeitet, desto mehr kann man dieses Selbstbewusstsein auch fördern. So wachsen Pferde an der Zusammenarbeit mit dem Menschen. Ihr Ego kann den Unterschied machen, weil es den Ausdruck des Pferdes verändert.

PM-Forum: Wenn Sie auf den Sommer blicken: Was macht für Sie eine Weltmeisterschaft aus?

Frederic Wandres: Eine WM ist immer etwas Großes. Aber Aachen wird eine besondere Dimension haben. Alles, was man von 2006 hört, klingt beeindruckend – und ich glaube nicht, dass es 20 Jahre später weniger fantastisch wird. Man spürt auch, dass das öffentliche Interesse größer ist als bei einer Europameisterschaft. Das bringt zusätzliche Aufmerksamkeit – und auch Energie.

„Ich darf gerade einfach genießen“

PM-Forum: Herr Treffinger, wenn Sie auf das Jahr 2026 zurückblicken – wie fühlt sich das für Sie an?

Moritz Treffinger: Verrückt. Es geht alles unfassbar schnell. Wenn ich zurückblicke, auch auf die letzten anderthalb Jahre, fühlt es sich an wie ein Traum, der sich Stück für Stück erfüllt. Ich muss mich manchmal wirklich kneifen, ob das alles gerade real ist. Deshalb versuche ich vor allem, es bewusst zu genießen.

PM-Forum: Die Liste Ihrer Erfolge ist lang – Sieg bei der Deutschen U25-Meisterschaft, Gold bei den U25-Europameisterschaften, Teilnahme am Weltcup-Finale. Wie realisieren Sie, was im vergangenen Jahr passiert ist?

Moritz Treffinger: Ehrlich gesagt: gar nicht direkt. Es kommt oft erst Wochen später bei mir an, was da eigentlich passiert ist. Ich glaube, was mir hilft, ist meine Einstellung: Ich bin gerade in einer Position, in der ich keinen Druck habe. Ich muss mich nicht unbedingt für ein Team empfehlen – ich darf dabei sein, lernen, Erfahrung sammeln. Das ist ein großes Privileg.

Moritz Treffinger gehört zu den Aufsteigern in der Dressurszene. Mit Fiderdance meisterte er sein erstes Weltcup-Finale mit Bravour.

PM-Forum: Mit welchem Wort können Sie beschreiben, wie Sie sich gerade fühlen?

Moritz Treffinger: Riesenglück – und vor allem Dankbarkeit. Ich weiß, wie viele gern an meiner Stelle wären. Gerade meine Position auf Gestüt Bonhomme bedeutet mir extrem viel. Dass ich diese Chance bekommen habe, ist nicht selbstverständlich. Ich versuche, ihr jeden Tag gerecht zu werden.

PM-Forum: Sie waren erst 19 Jahre alt, als Sie dort angefangen haben. Wie viel Mut hat Sie das gekostet? 

Moritz Treffinger: Ich war eher mutig als zögerlich. Ich habe mir gesagt: Ich kann nur gewinnen. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich zu bewerben, wenn nicht klar gewesen wäre, dass man auch einen jungen Reiter fördern möchte. Ich hatte damals weder die Erfahrung noch die breite Ausbildung. Dass es dann von der ersten Mail bis zum Umzug nur zwei Wochen gedauert hat, war schon rasant.

PM-Forum: Wie sehr sind Sie in diesen drei Jahren gewachsen – als Reiter und als Mensch?

Moritz Treffinger: Komplett. Ich habe nicht nur sportlich viel gelernt, sondern auch im Alltag. Auf einmal trägt man Verantwortung – für Pferde, für Abläufe, für ein ganzes Team. Ich plane den Tag jedes einzelnen Pferdes, entscheide über Training, Paddock, Tierarzt, Physio. Das ist eine riesige Verantwortung und ich musste lernen, Aufgaben abzugeben. Ich liebe es, meine Pferde zu versorgen, ja zu umtüddeln. Dafür nehme ich mir bewusst Zeit, weiß aber auch, dass andere das genauso gut können. Und gleichzeitig bin ich einfach angekommen. Am Anfang wird man natürlich erst einmal beobachtet. Heute habe ich das Gefühl, Teil eines echten Teams zu sein – mit den Menschen und den Pferden.

PM-Forum: Sie sprechen von Verantwortung – aber auch von Ehrfurcht gegenüber den Pferden. Wie wichtig ist diese Haltung für Sie?

Moritz Treffinger: Extrem wichtig. Gerade bei Hengsten merkt man schnell: Da kann man nichts erzwingen. Das ist ein Zusammenspiel aus Respekt und Vertrauen – und das muss man sich erarbeiten. Für mich bedeutet das, sehr genau hinzuhören und jeden Tag individuell zu entscheiden, was das Pferd braucht.

PM-Forum: Wie gelingt Ihnen das im Alltag?

Moritz Treffinger: Mit Abwechslung und dem Anspruch, die Pferde zu motivieren. Ich definiere mich ein bisschen wie einen Lehrer: Ich will derjenige sein, bei dem die „Schüler“ Lust haben mitzuarbeiten. Wenn ein Pferd an einem Tag nicht in Form ist, muss ich das akzeptieren und den Plan anpassen. Das gehört dazu. Dann frage ich mich, wie ich am nächsten Tag meinen Schüler noch besser abholen kann und was er braucht, um motiviert mitzuarbeiten.

PM-Forum: Überträgt sich Ihr Mindset auch auf Ihre Pferde?

Moritz Treffinger: Ich glaube schon. Gerade meine Hengste sind sehr ausgeglichen, sowohl zu Hause als auch auf Turnieren. Sie spüren, wenn ich ruhig bin – und ich glaube, das gibt ihnen Sicherheit. Dieses Vertrauen zahlt sich dann auch im Viereck aus.

PM-Forum: Sie haben ein ungewöhnliches Ziel für diese Saison: nämlich gar keins. 

Moritz Treffinger: (lacht) Ja, das stimmt. Nach dem Weltcup-Finale habe ich mir gesagt: Für dieses Jahr geht es nicht um Ergebnisse, sondern um Entwicklung. Mit jüngeren Pferden wie Florida Keys oder Morricone möchte ich Erfahrung sammeln. Wenn dann etwas Großes daraus entsteht, ist das schön – aber ich will nichts erzwingen. Zudem werde ich auch mit Cadeau Noir und Fiderdance weiter Erfahrungen sammeln. Ich lerne in dieser Zeit sehr viel – von und mit den Pferden. Ich darf auf traumhaften Turnieren reiten und die Pferde ermöglichen mir dies. Dafür bin ich sehr dankbar.

PM-Forum: Ein Blick nach vorn: Was wünschen Sie sich vom WM-Jahr in Aachen?

Moritz Treffinger: Vor allem, dass die Leidenschaft für den Sport wieder stärker in den Vordergrund rückt. Ich wünsche mir, dass man sieht, wie sehr wir den Sport mit den Pferden lieben und wie sehr wir die Pferde als unsere Partner schätzen. Pferde sind keine Maschinen – man kann nichts erzwingen. Wenn ein Pferd wirklich losgelassen ist, dann zeigt es das auch. Ich habe beim Weltcup-Finale in den USA erlebt, wie positiv die Stimmung sein kann – das war fast wie eine Party. Ich wünsche mir für Aachen, dass die Freude am Sport spürbar wird und die Begeisterung überschwappt. Ich werde auf jeden Fall nach Aachen fahren, um vor Ort mitzufiebern. Wenn man ein solches Event vor Ort hat, darf man sich das nicht entgehen lassen. Ich möchte das deutsche Team anfeuern und Aachen wird Gänsehautmomente liefern. Da bin ich mir sicher.

Das Interview führte Sabine Gregg.

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