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Blutuntersuchungen beim Pferd
Ein paar Tropfen Erkenntnis?
In der tierärztlichen Praxis sind Blutuntersuchungen ein wichtiger Teil der Diagnostik. Sie können unter anderem Befunde und Therapie ergänzen und Aufschluss über die Nährstoffversorgung geben. Wenngleich die Ergebnis-Interpretation der Blutanalyse in erster Linie in die fachkundigen Hände des Tierarztes gehört, hilft Hintergrundwissen dem Pferdebesitzer, das Wichtigste im Blutbild zu verstehen und Fragen stellen zu können. Ein Überblick.
Blutuntersuchungen sind wichtiger Bestandteil der Diagnostik. Foto: Sabine Heüveldop
Blut ist ein lebenswichtiges Transportund Regulationssystem im Pferdekörper. Es besteht aus einem flüssigen Anteil, dem Blutplasma, und einem festen Anteil, den Blutzellen. Das Plasma besteht überwiegend aus Wasser und darin gelösten Stoffen wie Elektrolyten, Proteinen und Gerinnungsfaktoren. Es dient als Transportmittel für Nährstoffe, Hormone, Abfallprodukte und Immunfaktoren. Blutuntersuchungen sind fester Bestandteil der Diagnostik, können aber auch präventiv in der Gesundheitsprophylaxe herangezogen werden.
Wichtige Parameter im Blut
- Leukozyten sind ein zentraler Bestandteil der Immunabwehr und spielen eine entscheidende Rolle bei der Bekämpfung von Infektionen und Entzündungen. Erhöhte Leukozytenwerte (Leukozytose) können auf bakterielle Infektionen, entzündliche Prozesse oder Gewebeschäden hinweisen. Auch Stressreaktionen, etwa durch Transport oder Schmerzen, sowie Toxämien, Parasitenbefall oder allergische Reaktionen können zu einem Anstieg führen. Erniedrigte Werte (Leukopenie) treten dagegen häufig bei schweren Infektionen wie einer Sepsis oder bei viralen Erkrankungen auf.
- Erythrozyten sind für den Sauerstofftransport im Organismus zuständig. Erniedrigte Werte weisen auf eine Anämie hin, deren Ursache vielfältig sein kann. Dazu zählen Blutverlust, beispielsweise durch innere Blutungen, chronische Entzündungen oder Nährstoffmängel. Erhöhte Erythrozytenwerte entstehen häufig durch Dehydratation, da das Blut eingedickt ist, oder durch Stressreaktionen, bei denen es beim Pferd zu einer Kontraktion der Milz kommt. Die Erythrozyten geben somit unter anderem Aufschluss über den Sauerstofftransport und den Flüssigkeitshaushalt.
- Thrombozyten sind für die Blutgerinnung zuständig. Niedrige Werte können auf Blutverluste, Infektionen wie beispielsweise Anaplasmose oder immunbedingte Prozesse hinweisen, während erhöhte Werte häufig im Zusammenhang mit Entzündungen oder Stress stehen. Wichtig sind sie vor allem bei unklaren Blutungen oder Gerinnungsstörungen.
- Hämoglobin ist der rote Blutfarbstoff und als Bestandteil der Erythrozyten bindet es Sauerstoff. Niedrige Werte treten bei Anämien auf, hohe meist bei Dehydratation. Der Hb-Wert zeigt schnell, wie gut der Sauerstofftransport funktioniert.
- Hämatokrit beschreibt den Anteil der Blutzellen am Gesamtblut. Hohe Werte sind beim Pferd oft Folge von Flüssigkeitsmangel oder Stress, niedrige Werte sprechen für Anämie oder Blutverlust. Wichtig zu wissen: Der Hämatokrit kann beim Pferd kurzfristig stark schwanken – ganz ohne Krankheitswert.
Warum überhaupt?
In der Regel sind Blutuntersuchungen immer abhängig von der spezifischen Fragestellung, also dem klinischen Bild und warum im speziellen Fall ein Blutbild ratsam ist. Isoliert betrachtet, können schnell Fehlinterpretationen entstehen. „Blutbilder liefern wertvolle Erkenntnisse, wenn Pferde zum Beispiel unspezifischen Gewichtsverlust zeigen oder die Leistung abfällt. Aber auch bei neugeborenen Fohlen ist eine Blutabnahme häufig indiziert, um den Immunglobulinspiegel zu überprüfen.
Da Stress Blutwerte verfälschen kann, sollte die Entnahme in ruhiger Atmosphäre möglichst stressfrei stattfinden. Foto: Christiane Slawik
Dies gibt Aufschluss darüber, ob die Aufnahme kolostraler Antikörper über die Biestmilch ausreichend war, was entscheidend für ein gutes Immunsystem und die Entwicklung des Fohlens ist“, erklärt Dr. Anke Müller, Fachtierärztin für innere Medizin der Tierklinik Telgte. „Doch nicht nur zur Bestätigung und vertiefenden Diagnostik, sondern gerade auch während Verlaufsuntersuchungen sind Blutwerte von entscheidender Bedeutung. Zum Beispiel bei Infektionen, Entzündungen, Anämien, Leber-, Nieren- oder Muskelerkrankungen. Nur so kann Aufschluss über den Therapieerfolg gegeben werden“, ergänzt die Fachtierärztin. Blutentnahmen als Check- Up dienen der Früherkennung und können individuelle Referenzwerte liefern, die eine Verlaufsinterpretationen erlauben. Gleichwohl lassen sich wiederum nicht alle Parameter vergleichen: So ist beispielsweise der Wert bei PPID (Pituitary Pars Intermedia Dysfunction, früher Cushing-Syndrom), an dem vor allem ältere Pferde erkranken, als Referenzwert heikel, da er jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen ist.
Blutwerte verstehen
Ein Blutbild lässt sich immer nur im Kontext von Alter, Rasse, klinischer Symptomatik und erhobenen Befunden des Pferdes verstehen und einordnen. Ohne dieses Wissen lassen sich keine konkreten Rückschlüsse ziehen. „Blutbilder stellen einen wichtigen Teil der Diagnostik, vor allem der inneren Medizin, dar, können aber niemals isoliert betrachtet werden“, resümiert Dr. Anke Müller. Eine Blutanalyse ist zudem immer nur eine Momentaufnahme und kann allein kein reelles Bild über die Versorgung mit zum Beispiel Nährstoffen zeigen. Der ganzheitliche Blick und die Untersuchung des Pferdes durch den Tierarzt sind entscheidend. Mit Blick auf Nährstoffanalysen von Mengen- und Spurenelementen mittels Blut appelliert Dr. Anke Müller: „Ein indizierter Mangel im Blut deutet nicht unbedingt auf einen Nährstoffmangel im Körper hin. Sinnvoller, um festzustellen, ob ein Pferd ausreichend mit Mineralstoffen versorgt ist, ist eine Rationsberechnung nach vorangegangener Heuanalyse.“
Häufige Abkürzungen bei Blutuntersuchungen und deren Erklärung
| Parameter | Aussage über | Mögliche Ursachen erhöhter Werte | Mögliche Ursachen erniedrigter Werte |
| AST (Aspartat-Aminotransferase) |
Muskel- und Leberfunktion | Muskelschäden, Lebererkrankungen | Selten relevant |
| GGT (Gamma-Glutamyltransferase) |
Leber und Gallenwege | Leber- oder Gallenerkrankungen | Selten relevant |
| GLDH (Glutamat-Dehydrogenase) |
Spezifische Leberzellschäden | Akute Lebererkrankungen | Selten relevant |
| CK (Kreatinkinase) |
Muskelschäden | Myopathien, Überanstrengung | Selten relevant |
| Harnstoff | Nierenfunktion, Eiweißstoffwechsel | Nierenprobleme, Dehydration | Leberinsuffiienz |
| Kreatinin | Nierenfunktion | Eingeschränkte Nierenleistung | Geringe Muskelmasse |
| Gesamteiweiß & Albumin | Ernährungs- und Leberzustand | Dehydration, Entzündungen | Lebererkrankungen, Proteinverlust |
| Bilirubin | Leberfunktion, Abbau und Erythrozyten | Lebererkrankungen, Inappetenz | Selten relevant |
| Elektrolyte (Na, K, Cl, Ca, Mg) | Flüssigkeitshaushalt und Nervensystem | Dehydration, Stoffwechselstörungen | Verluste über Schweiß und Durchfall |
Typische Anlässe für Blutuntersuchungen
- Entzündungen oder Infektionen
- Dehydration
- Stoffwechselerkrankungen (PPID, EMS)
- Nierenerkrankungen, Lebererkrankungen, Muskelerkrankungen zur Bestätigung einer Anämie
- Untersuchung auf bestimmte Erbkrankheiten wie z.B. PSSM 1
- Untersuchung auf bestimmte Toxine wie z.B. Hypoglycin A (ursächlich für die atypische Weidemyopathie)
- Untersuchung von AMH (Anti-Müller-Hormon) bei dem Verdacht eines Granulosa-Zelltumors (Eierstocktumor)
Blutwerte müssen immer im Kontext von Alter, Rasse, erhobenen Befunden und weiteren Einflüssen interpretiert werden. Foto: Christiane Slawik
Gelocktes Fell, Probleme beim Fellwechsel und Muskelschwund sind häufige Symptome bei PPID (früher Cushing) – über diese Erkrankung kann eine Blutuntersuchung Aufschluss geben. Foto: Christiane Slawik
Versorgungsstatus
Ein im Blut festgestellter Nährstoffmangel bedeutet also nicht zwangsläufig, dass das Pferd tatsächlich unterversorgt ist. Denn: Die Momentaufnahme des Blutwerts spiegelt nicht immer den Gesamtstatus im Körper wider. Viele Mineralstoffe werden überwiegend in Geweben gespeichert. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist Calcium: Rund 99 Prozent des Calciums befinden sich in den Knochen und Zähnen, während nur etwa ein Prozent im Blut zirkuliert. Der Calciumspiegel im Blut wird – insbesondere durch Parathormon, Calcitonin und Vitamin D – streng reguliert. Selbst bei einer vorüberge- hend unzureichenden Aufnahme kann der Organismus auf seine Speicher zurückgreifen und den Blutwert stabil halten. Umgekehrt kann ein erniedrigter Gesamtcalciumwert durch Faktoren wie einen niedrigen Albuminspiegel entstehen, ohne dass die biologisch aktive, ionisierte Calciumfraktion tatsächlich vermindert ist.
Kleines vs. großes Blutbild
Wie umfangreich die Blutanalysen vorgenommen werden, empfiehlt bzw. entscheidet der Tierarzt im Kontext der Gesamtsituation. Im Alltag als Pferdebesitzer und Kunde tauchen in dem Zusammenhang oft die Begriffe klein und groß auf.
Kleine und große Blutbilder unterscheiden sich grundsätzlich im Umfang der untersuchten Parameter. Bei einem kleinen Blutbild werden in der Regel folgende Parameter untersucht: Leukozyten (weiße Blutkörperchen), Erythrozyten (rote Blutkörperchen), Thrombozyten (Blutplättchen), Hämoglobin (roter Blutfarbstoff) und Hämatokrit (Anteil der Blutzellen). Ein großes Blutbild umfasst ein kleines Blutbild sowie ein Differentialblutbild (Aufschlüsselung der Leukozyten), es wird in der Praxis jedoch oftmals direkt ergänzt durch erweiterte klinisch-chemische Parameter, die die Organwerte und den Stoffwechsel betreffen. Insgesamt richten sich die untersuchten Parameter immer nach dem jeweiligen Labor und den Angaben durch den Tierarzt.
Rahmenbedingungen
Stress kann einige Werte wie Hämatokrit oder Leukozyten beeinflussen und damit die Auswertung von Blutproben verfälschen. Deshalb sollten Blutentnahmen immer in stressfreier, ruhiger und sicherer Umgebung stattfinden. Auch der Umgang mit den Blutröhrchen ist wichtig und kann die Aussagekraft von Blutuntersuchungen beeinflussen. Um einschätzen zu können, wie groß die Gefahr von Verfälschungen ist, notieren Labore manchmal auf den Ergebnis-Datenblättern von Blutanalysen kurze schriftliche Hinweise, die ein Indiz dafür geben, wie zuverlässig die Ergebnisse sind. Der Tierarzt sollte diese Hinweise bei seiner Interpretation der Blutwerte dann miteinbeziehen. Ein typisches Beispiel hierfür ist der Hinweis: „Auf Grund der schlechten Zellmorphologie ist das Differentialblutbild mit Vorbehalt zu beurteilen.“ Dieser beschreibt eine qualitative Einschränkung bei der Beurteilung von Blutzellen. Diese zeigten im Präparat ein abweichendes Erscheinungsbild, die Aufschlüsselung der weißen Blutkörperchen ist daher unsicher.
Ein anderes Beispiel ist der Hinweis „Probe hämolytisch“: Hier sind rote Blutkörperchen bereits im Probenröhrchen zerfallen, wodurch bestimmte Werte (z.B. Kalium) künstlich verändert sein können. Ursächlich für solche Abweichungen können die Art und Weise der Probenentnahme, der Transport und die Lagerung sein. Entsprechend entscheidend sind die kleinen Kommentare. Sie machen deutlich, dass nicht jeder auffällige Wert automatisch auf eine Erkrankung zurückzuführen ist – oft ist zunächst lediglich die Aussagekraft der Probe eingeschränkt. In solchen Fällen kann eine Wiederholung der Blutentnahme sinnvoll sein.
Blutröhrchen müssen ordnungsgemäß gelagert und transportiert werden, andernfalls können die Laborergebnisse durch unsachgemäßen Umgang verfälscht werden. Foto: Frank Sorge
Analyse-Beispiel:
Was sagt das Blutbild aus?
Das vorliegende Blutbild stammt von einem Junghengst nach Ende der Weidesaison. Zu erkennen ist, dass einzelne Werte vom Referenzbereich abweichen. Dass es einzelne Abweichungen gibt, ist zunächst völlig normal und oft nicht direkt besorgniserregend. Entscheidend ist immer das Muster der Werte.
Im vorliegenden Beispiel sind die Leberwerte (GGT, GLDH, AST & LDH und Bilirubin) außerhalb des Referenzbereichs: Diese erhöhten Werte sind beim Pferd ein typisches Muster für eine Beteiligung der Leber. Dabei weist ein erhöhter GLDH-Wert auf eine Schädigung der Leberzellen hin, während ein Anstieg der GGT eher die Gallengänge betrifft, ein erhöhtes Bilirubin zeigt, dass die Leber Abbauprodukte nicht mehr ausreichend verarbeiten kann. In Anbetracht der Gesamtsituation eines jungen Pferdes nach längerer Sommerweide kommen als Auslöser vor allem pflanzliche Toxine (z.B. Jakobskreuzkraut oder Kleearten), Mykotoxine aus belastetem Futter sowie infektiöse oder entzündliche Prozesse in Betracht. Auch schleichende Belastungen über Wochen sind möglich, ohne dass sofort deutliche Symptome auftreten.Typische nächste Schritte sind daher eine Verlaufskontrolle des Blutbildes, die Überprüfung der Fütterung und Weidequalität sowie – je nach Befund – eine unterstützende Lebertherapie. Parallel sollte das Pferd klinisch beobachtet werden, etwa auf Mattigkeit, Gewichtsverlust oder gelbliche Schleimhäute hin, die auf eine eingeschränkte Leberfunktion hinweisen können. Die leicht erhöhten Muskelwerte wie AST und LDH müssen beim Pferd nicht zwangsläufig auf ein primäres Muskelproblem hindeuten, da sie auch sekundär bei Leberbelastungen oder nach körperlicher Anstrengung ansteigen können. Dass die CK im Normbereich liegt, spricht dabei gegen einen akuten Muskelschaden. Im Bereich Stoffwechsel und Fütterung ist ein leicht erhöhter Glukosewert häufig stress- oder fütterungsbedingt und meist unproblematisch, während ein erhöhter Harnstoffwert auf den Eiweißstoffwechsel bzw. die Rationsgestaltung hinweisen kann; auch ein erhöhter Phosphorwert steht oft im Zusammenhang mit Futter oder Stoffwechselprozessen und kann begleitend bei Leberthemen auftreten. Gerade bei einem Junghengst nach sechs Monaten reiner Sommerweide ohne Zufütterung sollten zudem standortabhängige Einflüsse berücksichtigt werden: Böden sind häufig selenarm, und auch bei mageren oder stark abgefressenen Weiden kann die Mineralstoffversorgung schwanken. Bei den Elektrolyten, Mengen- und Spurenelementen fallen daher insbesondere der zu niedrige Kaliumwert auf, der für die Funktion von Muskeln und Nerven relevant ist, sowie ein Selenmangel. Letzterer kommt bei Pferden nicht selten vor, sollte jedoch im Blick behalten werden, da Selen eine wichtige Rolle für Muskelstoffwechsel und Immunsystem spielt.
Kosten
Nach der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) liegt der Grundpreis für ein kleines Blutbild im eigenen Labor im einfachen Satz bei ca. 20,80 Euro. Ein großes Blutbild liegt bei ca. 23,52 Euro. Doch aufgepasst: Diese Angaben sind rein der Grundpreis für das Blutbild. Weitere Positionen wie unter anderem die Blutentnahme und Materialkosten kommen hinzu. Bei Versand in ein externes Labor müssen auch die Probenaufbereitung und der Versand miteinberechnet werden. Abhängig vom Umfang der untersuchten Parameter fallen daher Kosten von etwa 90 bis 230 Euro an.
Lorella Joschko
Zur Bestimmung der Mineralstoffversorgung ist eine Blutuntersuchung nur bedingt geeignet, da eine Unterversorgung im Blut nicht gleichbedeutend mit einer Unterversorgung im Körper ist. Foto: Frank Sorge
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