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Pferdesport Deutschland: FN präsentiert neue Marke

Beinschutz im Blickpunkt

Schützen, stützen – oder schaden?

Kaum ein Pferd, das nicht eingepackt ist: Vom Freizeitpferd bis zum Turniercrack gehören Bandagen für viele Reiter ans Pferd – als Schutz, aus Gewohnheit oder weil´s einfach gut aussieht. Doch: Wie hoch ist die Schutzwirkung wirklich?

Modischer Beinschutz? Richtiges Bandagieren will gelernt sein – und ist außerdem auch umstritten. Foto: Christiane Slawik

Das Pferdebein: Es trägt rund 600 Kilogramm, federt Stöße ab und absorbiert enorme Kräfte. Bei jedem Schritt wirken kurzfristig Belastungen, die das Körpergewicht um ein Vielfaches übersteigen. Knochen, Gelenke und vor allem Sehnen müssen diese Kräfte aufnehmen und abfangen. Kein Wunder, dass Reiter die Beine ihrer Pferde besonders schützen möchten – und sie sorgfältig umwickeln. Ordentlich aufgerollt stehen Bandagen in Reih und Glied, oft nach Farben sortiert: Bordeaux, Marine, Smaragd – und natürlich die Farben der Saison, perfekt abgestimmt auf die Schabracke oder klassisch in sportlichem Weiß.Griffbereit für den täglichen Einsatz, ob im Training, im Gelände oder beim Freilauf. Doch wer hätte gedacht, dass genau diese gut gemeinte Gewohnheit zum Risiko werden könnte? Studien stellen den Nutzen dieses Beinschutzes infrage, weisen auf potenzielle Risiken hin und spätestens seit der königlichniederländische Pferdesportverband (KNHS) 2024 Bandagen auf Turnieren verboten hat, wird intensiver über ihren Sinn und Zweck diskutiert. Dr. Christine Fuchs, Fachtierärztin für Pferde an der Tierklinik Lüsche, befürwortet diese Maßnahme und sieht darin eine Chance für das Pferdewohl: „Jetzt wird das Thema breiter diskutiert und das halte ich auch für sinnvoll.“ Das Verbot in den Niederlanden ist für sie ein positives Signal – weil es dazu anregt, alte Gewohnheiten zu hinterfragen.

Schutz ja, Stütze fraglich

Erkrankungen an den unteren Gliedmaßen wie Entzündungen der Beugesehnen oder Schäden im Fesseltrageapparat können durch eine starke Überdehnung des Fesselträgers entstehen, zum Beispiel wenn das Pferd stolpert oder bei höherem Tempo in ein Loch tritt. Deshalb liegt der Gedanke nahe, die Beine durch Bandagen oder Gamaschen zu schützen und zu stützen. Unbestritten ist: Bandagen und Gamaschen bieten einen gewissen Schutz vor äußeren Verletzungen durch Stöße, Abschürfungen oder Schnitte – insbesondere bei jungen, unausbalancierten Pferden oder beim Transport ist ein entsprechender Beinschutz sinnvoll. Weniger klar ist die stützende Wirkung von Bandagen. „Das wurde in Studien untersucht“, sagt Dr. Christine Fuchs. Und? „Null Komma null Stützeffekt.“ Tatsächliche Stabilisierung könnten, so die Tierärztin, nur starre Boots oder Gipsverbände bieten, wie sie in der Therapie eingesetzt werden. „Aber damit kann man nicht reiten“, ergänzt sie. Ein weiterer oft genannter Einsatzzweck: Bandagen sollen das Aufwärmen vor dem Training unterstützen.

Ob beim Freilauf oder anderswo: Wer Bandagen nutzt, sollte sich stets bewusst darüber sein, dass sie für einen Wärmestau in den Beinen sorgen.

Es gibt sie in unzähligen Farben – passend zu Schabracke und Reiteroutfit. Dabei wird oft vergessen, dass Bandagen nur in ausgewählten Einzelfällen eingesetzt werden sollten. Fotos (2): Christiane Slawik

Dazu hat Dr. Christine Fuchs ebenfalls eine klare Haltung: „Das ergibt keinen Sinn – das Pferdebein ist von Natur aus so gebaut, dass Wärme abgeleitet wird.“ Tatsächlich verweisen einzelne Untersuchungen darauf, dass Bandagen und Gamaschen die Aufwärmphase beschleunigen könnten. Dennoch hat Dr. Christine Fuchs für den praktischen Nutzen Bedenken: „Das mag theoretisch stimmen, aber dann müsste man ja wissen, wann das Bein ‚warm genug‘ ist – und die Bandagen während des Reitens abnehmen, wenn es darunter zu warm wird.“ Denn das Pferdebein ist so konstruiert, dass überschüssige Wärme über die Haut abgegeben und durch Luftzirkulation verteilt wird – ein natürlicher Mechanismus, den Fachleute als Konvektionskühlung bezeichnen.

 

Sehnen…

verbinden Muskeln mit Knochen und übertragen die Muskelkraft auf das Skelett. Sie bestehen überwiegend aus kollagenen Fasern. Studien haben gezeigt, dass der zentrale Kern der oberflächlichen Beugesehne (SDFT = superficial digital flexor tendon) von Pferden bei schneller Fortbewegung Temperaturen von bis zu 45°C erreicht. Wissenschaftler prüften daraufhin die Hypothese, dass Hyperthermie zum Absterben von Sehnenzellen und zur Degeneration des Sehnenkerns führen kann. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Temperaturen wahrscheinlich keinen unmittelbaren Zelltod verursachen, wiederholte Hitzeeinwirkung jedoch den Zellstoffwechsel beeinträchtigen und langfristig zur Degeneration beitragen kann. Quelle: Birch H.L., Wilson A.M., Goodship A.E. (1997): The Effect of Exercise-Induced Localised Hyperthermia on Tendon Cell Survival.

Gut zu erkennen die Sehnen im Pferdebein: Strecksehne (gelb), tiefe Beugesehne (hellblau) und oberflächliche Beugesehne (grün). Foto/Grafik: Sabine Heüveldop

Pferdebeine halten bei jedem Schritt teils großen Belastungen stand – sie brauchen dafür jedoch keine Bandagen zur Unterstützung. Foto: Arnd Bronkhorst

Wärmeabgabe

Unterhalb des Karpalgelenks (Articulatio carpi) beziehungsweise Sprunggelenks (Articulatio tarsi) gibt es keine Muskelbäuche mehr – nur Sehnen, Bänder, Knochen – eine besondere Konstruktion, die zur Aerodynamik beiträgt und das Pferd befähigt die Beine schnell zu bewegen. Die zugehörigen Muskeln liegen weiter oben und setzen über ihre Sehnen an den Zehenknochen an: an der Vorderseite der Beine die Strecksehnen, an der Hinterseite die Beugesehnen.Sehnen, Blut- und Lymphgefäße sowie Nerven liegen somit direkt unter der Haut – das Bein ist „unbedeckt“, sagen Mediziner. „Es ist bekannt, dass Sehnen wärmer sind als das umliegende Gewebe“, erklärt Dr. Christine Fuchs. Die beim Reiten oder in der freien Bewegung entstehende Wärme muss über die Haut abgegeben werden. Da die Beugesehne nur gering durchblutet ist, kann sie Wärme nicht über den Blutkreislauf abgeben. Die Praktikerin fasst zusammen: „Die Natur hat das so eingerichtet, weil es für das Fluchttier besonders effizient ist – das Pferdebein kühlt sich selbst“, sagt Fuchs. „Wickele ich es ein, unterbreche ich diesen Prozess.“ Mögliche Schäden durch den Wärmestau unter Bandagen waren einer der Gründe für das niederländische Bandagen-Verbot auf Turnieren.

Wärme im Fokus

Dr. Simone Westermann, heute an der Freien Universität Berlin, war 2014 an der Veterinärmedizinischen Universität Wien tätig. Dort hat sie gemeinsam mit ihrem Team die Temperatur an den unteren Pferdebeinen gemessen – in Ruhe, nach Bewegung sowie mit und ohne Beinschutz. „Wir konnten eine signifikante Erhöhung der Temperatur unter Bandagen und Gamaschen nach Bewegung messen. Dieser Effekt war bei Bandagen gegenüber Gamaschen ausgeprägter, wobei dies wahrscheinlich materialabhängig ist“, berichtet sie – ob das positiv oder schädlich ist, lässt sie offen. Westermann betont, dass sich aus ihrer Studie keine weiteren Schlüsse ableiten lassen. Eine neuere Untersuchung an der Middle Tennessee State University, USA (L. Brock 2021) kam zu ähnlichen Ergebnissen. An sechs klinisch gesunden Pferden wurden sechs verschiedene Bandagen und Gamaschen getestet – von Neopren- über Cross-Country- bis zu Fleece- und Polo-Bandagen. Das jeweils andere Vorderbein blieb unbedeckt und diente als Kontrolle. Während einer 20-minütigen Bewegungseinheit und einer anschließenden dreistündigen Erholungsphase wurden Temperatur und Luftfeuchtigkeit kontinuierlich gemessen. Die Ergebnisse stützen die Hypothese, dass Bandagen und Gamaschen die Konvektionskühlung des Pferdebeins einschränken: Die Spitzentemperatur lag bei allen Formen des Beinschutzes höher als bei unbedeckten Beinen, bei keiner Variante – auch unbedeckt nicht – kehrte die Temperatur innerhalb von 180 Minuten auf den Ausgangswert zurück. Unterschiede zeigten sich jedoch bei der Luftfeuchtigkeit: Hier wurde der Ausgangswert bei unbedeckten Beinen innerhalb von drei Stunden wieder erreicht. 

 

Da die Hauttemperatur eng mit der Temperatur der darunterliegenden Sehnenoberfläche korreliert, deutet dies darauf hin, dass selbst bei moderater Belastung Temperaturen erreicht werden können, die für Sehnengewebe kritisch sein könnten. Die Autoren schreiben im Journal of Equine Veterinary Science, dass ein bandagiertes oder mit Gamaschen versehenes Bein bei Bewegung möglicherweise Temperaturen erreicht, die für die Sehnenzellen schädlich sein könnten. Dr. Christine Fuchs hält das für plausibel: „Viele Sehnenschäden haben eine längere Vorgeschichte. Wenn Gewebe immer wieder überhitzt, halte ich es für denkbar, dass sich wiederholt Mikrotraumen entwickeln – und der Schaden irgendwann klinisch sichtbar wird.“

 

Die Pferdebeine nach dem Training zu kühlen, ist sinnvoll. Insbesondere, wenn zuvor bandagiert geritten wurde. Foto: Stefan Lafrentz/FN-Archiv

Die Konvektionskühlung

    Unter Konvektionskühlung versteht man die Wärmeabgabe durch bewegte Luft oder Flüssigkeit. Dabei wird Wärme von einer Oberfläche an die umgebende Luft oder ein anderes Medium übertragen und abgeführt – ein natürlicher Prozess der Temperaturregulation.

    Bandagieren aus therapeutischen Gründen ist etwas völlig anderes als es jeden Tag zu machen. Foto: Frank Sorge

    Kompressionsstrümpfe sind eine sinnvolle Alternative zu herkömmlichen Stallbandagen – dennoch sollten Einsatz und Tragdauer mit dem Tierarzt abgesprochen werden. Foto: Sabine Heüveldop

    Praktische Empfehlungen

    Was heißt das nun für den Alltag mit Pferd? Bandagen und Gamaschen sollten immer gezielt angelegt werden. Ihr Einsatzgebiet ist dort, wo sie tatsächlich schützen: beispielsweise im Gelände, beim Springen oder Transport – als gezielter Schutz vor äußeren Blessuren. Möchte man beim Reiten nicht auf Bandagen verzichten, sollte die Zeit begrenzt werden: Erst putzen, satteln und trensen und zuletzt bandagieren – und nach dem Reiten als Erstes die Bandagen wieder abnehmen und anschließend die Beine kühlen. Die Kälte erreicht zwar nicht die tiefergelegenen Strukturen, doch wenn die Hauttemperatur sinkt, kann Wärme darüber abgeleitet werden.

    Gut gemeint, selten nötig

    Auch nach dem Training werden häufig Stallbandagen verwendet – um ein Anlaufen der Beine zu verhindern. „Dann macht man sie runter und wundert sich, warum das Pferd dicke Beine bekommt“, sagt Dr. Christine Fuchs. Ihre persönliche Erfahrung: Pferde, die regelmäßig einbandagiert werden, entwickeln häufig angelaufene Beine, sobald sie es nicht sind. „Angelaufene Beine“ sind in der Regel milde Ödeme – also Flüssigkeitseinlagerungen im Gewebe. Sie entstehen meist durch einen verlangsamten Lymphabfluss, etwa bei zu wenig Bewegung oder nach längeren Ruhephasen. Sobald sich das Pferd bewegt, wird der Flüssigkeitsstau über das Lymphsystem wieder abgebaut. In ihrer Dissertation an der Tierärztlichen Hochschule Hannover zeigte Nicole Korella (2007), dass sich das Volumen der Gliedmaßen unter Bandagen und Gamaschen messbar verändert: Die bandagierten Beine nahmen während der Bewegung zunächst an Volumen ab, wurden nach dem Abnehmen der Bandagen aber wieder dicker. Die Beine werden also scheinbar „dünner“, bevor sie erneut „anschwellen“. Eine spätere Studie an der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Christina Fedele, 2017) nutzte eine indirekte Lymphangiographie, um den Einfluss verschiedener Kompressionssysteme auf den Lymphfluss zu untersuchen. Dabei zeigte sich unter Stallbandagen eine Kompression der Lymphgefäße mit unterbrochenem Kontrastmittelfluss. 

    Der ausgeübte Druck verhindert kurzfristig Wassereinlagerungen, blockiert jedoch die feinen Lymphgefäße, die für den Abtransport von Gewebsflüssigkeit zuständig sind. Die Wissenschaftlerin schließt daraus, dass eine dauerhafte Kompression die empfindlichen Lymphgefäße schädigen kann – mit Folgen für den Flüssigkeitshaushalt im Gewebe. Fedele empfiehlt, den Einsatz von Stallbandagen kritisch zu überdenken. So wird es auch in der Tierklinik Lüsche, in der Dr. Christine Fuchs tätig ist, gehandhabt. Sie sagt: „In der Klinik wird nur in Ausnahmefällen – etwa nach Operationen oder bei akuten Schwellungen – gezielt bandagiert. Dann geht es darum, kurzfristig einen gewissen Druck zu erzeugen, bis das Pferd wieder in Bewegung kommt. Aber das ist etwas völlig anderes, als es jeden Tag zu machen.“

    Das Lymphsystem…

      bildet neben Arterien und Venen das dritte große Gefäßnetz im Körper des Pferdes – ein fein verzweigtes Drainage- und Transportsystem. 

      Beinschutz kann insbesondere beim Springen und im Gelände sinnvoll sein. Foto: Christiane Slawik

      Kompressionsstrümpfe

      Als sinnvolle Alternative zu herkömmlichen Stallbandagen bieten sich atmungsaktive Kompressionsstrümpfe an. In der Untersuchung von Christina Fedele schnitten diese deutlich besser ab als klassische Stallbandagen: Ihre Beschaffenheit bewirkt, dass der Druck in Ruhe nur gering ist und die Gefäße nicht zusammengedrückt werden – so bleibt der Lymphfluss erhalten. Sie verhindern Schwellungen, ohne die empfindlichen Lymphgefäße zu komprimieren. Kompressionsbandagen sind im Fachhandel erhältlich, Tragedauer und Einsatz sollten dennoch mit dem Tierarzt oder Therapeuten abgesprochen werden.

      Fazit 

      Überhitzung, Überlastung und mechanische Einflüsse sind reale Risiken für das Pferdebein – Bandagieren ist nur in wenigen Fällen wirklich hilfreich. Tierärztin Dr. Christine Fuchs rät, das routinemäßige tägliche Bandagieren zu überdenken: „Nur weil es früher so gemacht wurde, heißt das nicht, dass es gut ist. Wir haben heute andere technische Möglichkeiten und können andere Studien durchführen – und die stellen den Nutzen einfach infrage. Sie sagt: „Bandagen und Gamaschen sollten nur dann eingesetzt werden, wenn es wirklich nötig ist – richtig angepasst, sauber, trocken und zeitlich begrenzt.“ Denn: Bandagen sollten kein modisches Accessoire sein, sondern in ausgewählten Einzelfällen ein therapeutisches Hilfsmittel.

      Sabine Heüveldop

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