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Lateralität 

Mehr als eine Frage der Seite 

Lateralität – die individuelle Seitigkeit – liefert Hinweise auf die Verfassung unserer Pferde. Wer sie erkennt, kann Stress frühzeitig deuten, gezielter trainieren und Missverständnisse vermeiden. Vier Expertinnen zeigen, worauf es im Alltag und im Training ankommt – und warum auch unsere eigene Schiefe dabei eine Rolle spielt. 

Rechts oder links? Auch Pferde haben eine „Schokoladenseite“. Diese Lateralität genannte individuelle Seitigkeit teilt sich in sensorische und motorische Lateralität und entwickelt sich mit der Reifung des Gehirns. Fotos: Christiane Slawik

Lateralität? Ach, ist das nicht dieses „Schiefsein“ beim Pferd? Hat doch sicher mit der natürlichen Schiefe zu tun – oder? Im Gespräch mit Reitern zeigt sich schnell: Der Begriff ist vielen bekannt, doch seine Bedeutung bleibt oft vage. Dabei geben unsere Pferde täglich subtile Hinweise – etwa beim Führen, Grasen oder Betrachten von Reizen – auf ihre individuelle Lateralität. Sie kann mehr über das emotionale Wohlbefinden, die Stressverarbeitung und das Lernverhalten eines Pferdes verraten, als sich zunächst ahnen lässt. Zu den Expertinnen, die es genau wissen, zählen die Verhaltensbiologinnen Prof. Dr. Konstanze Krüger-Farrouj und Dr. Isabell Marr sowie die Pferdewissenschaftlerin Dr. Vivian Gabor, Leiterin des Instituts für Verhalten und Kommunikation in Einbeck. Sie erklären, warum Lateralität mehr ist als nur eine biomechanische Vorliebe: Wer weiß, ob sein Pferd lieber mit dem linken Auge schaut oder mit dem rechten Vorderbein antritt, erhält tiefe Einblicke in dessen emotionale Verfassung. Waltraud Böhmke ergänzt die wissenschaftliche Perspektive durch praktische Erfahrung: Die Pferdewirtschaftsmeisterin in Reiten sowie Zucht und Haltung sieht auch die Schiefe des Menschen als wichtigen Faktor für eine ausgewogene Kommunikation mit dem Pferd. Als Mitglied im FN-Arbeitskreis Bodenarbeit und langjährige Ausbilderin liegt ihr Fokus auf dem bewussten Einsatz von Körpersprache.

Lateralität vs. natürliche Schiefe

Prof. Dr. Krüger-Farrouj lehrt und forscht an der Hochschule Nürtingen- Geislingen. Sie gilt als eine der führenden Expertinnen auf dem Gebiet der Pferdekognition – insbesondere zur sozialen Intelligenz, Entscheidungsfindung und Lateralität. Dabei war sie selbst anfangs skeptisch: „Die Erkenntnisse aus der Lateralitätsforschung überraschen mich selber jeden Tag. 

Kein Pferd ist ganz gerade: Lateralität ist Teil der Natur des Pferdes – und spiegelt sich im Verhalten ebenso wie in der Bewegung wider.

Vor 15 Jahren dachte ich noch, das alles sei Hokuspokus. Nun bin ich immer wieder erstaunt, wie gut die Lateralität das Befinden der Pferde widerspiegelt.“ Links oder rechts – jedes Pferd hat seine Vorlieben. Manche schauen lieber mit dem linken Auge, andere treten bevorzugt mit dem rechten Vorderbein an. Diese Seitigkeit nennt man Lateralität – ein natürliches Phänomen, das in der Funktionsweise des Gehirns verankert ist.

Man unterscheidet zwei Formen

  • Motorische Lateralität zeigt sich in der Bewegung, zum Beispiel bei der bevorzugten Vorhand oder der besseren Balance auf einer Hand.
  • Sensorische Lateralität betrifft die Wahrnehmung – etwa, mit welchem Auge ein Pferd neue Eindrücke zuerst betrachtet oder von welcher Seite es sich lieber führen lässt. Lateralität und natürliche Schiefe sind dabei zwei unterschiedliche Phänomene: Die natürliche Schiefe ist angeboren und basiert auf körperlichen Asymmetrien. Die Lateralität hingegen entwickelt sich mit der Reifung des Gehirns.

Ob sie lieber mit dem linken Auge schauen oder mit dem rechten Ohr lauschen – Pferde haben eine bevorzugte Seite für die Sinneswahrnehmung. Fachleuchte sprechen dabei von sensorischer Lateralität. 

Ursprünge und Einflussfaktoren

Lateralität ist also nicht angeboren – zwar kann es eine gewisse genetische Veranlagung geben, doch viele äußere Einflüsse formen die Seitigkeit eines Pferdes mit. Pferde, die in einem stabilen, artgerechten Umfeld aufwachsen, zeigen meist eine ausgewogene sensorische und motorische Lateralität. Anders sieht es bei dauerhaft überforderten oder unausgeglichenen Pferden aus. Laut Prof. Dr. Krüger-Farrouj werden gestresste Pferde zunehmend linksseitiger. 

 

Das hat mit der Reizverarbeitung im Gehirn zu tun: In belastenden Situationen schaltet sich verstärkt die rechte Hirnhälfte ein – und mit ihr die linke Körperseite. Ein Pferd, das chronisch unter Stress steht, beginnt deshalb oft, bevorzugt mit dem linken Auge zu schauen oder das linke Vorderbein beim Grasen vorzusetzen. Diese Muster sind messbar – und geben Aufschluss über den emotionalen Zustand des Pferdes. Auch Persönlichkeit und Temperament beeinflussen, wie stark einseitig ein Pferd reagiert – selbst wenn es äußerlich entspannt wirkt. Emotionale oder besonders wachsame Tiere neigen eher zur Linksseitigkeit. Sie sind nicht per se gestresst, aber sensibler in der Reizverarbeitung – und damit empfänglicher für Überforderung. „Man sollte überlegen, ob man solche Pferde zum Beispiel jedes Wochenende mit aufs Turnier nimmt. Das Risiko für stressbedingte Erkrankungen ist bei ihnen deutlich höher“, sagt Dr. Isabell Marr. In ihrer Dissertation an der Universität Hohenheim hat sie gezeigt, wie sich Beobachtungen der Lateralität zur Einschätzung von Stress, Stimmung und individuellem Wohlbefinden nutzen lassen.

Sehen und Fühlen

Entscheidend für das Phänomen der Seitigkeit ist die Verarbeitung im Gehirn: Die rechte Hirnhälfte ist zuständig für neue, emotionale oder potenziell bedrohliche Reize – und steuert dabei die linke Körperseite. Deshalb fixieren Pferde unbekannte Objekte häufig mit dem linken Auge – ein möglicher Hinweis auf innere Anspannung. Die linke Hirnhälfte hingegen verarbeitet Bekanntes und Routinen. Diese sogenannte kontralaterale Verschaltung – also die Überkreuz-Zuordnung von Sinneseindrücken und motorischer Steuerung – ist beim Pferd eine vergleichsweise neue wissenschaftliche Erkenntnis. Auch das individuelle Temperament spielt eine Rolle: Emotionalere Pferde zeigen laut Dr. Isabell Marr häufiger eine Linksseitigkeit – selbst ohne äußere Stressoren. Das bedeutet: Nicht jedes seitliche Verhalten ist automatisch ein Hinweis auf akuten Stress, sondern kann auch auf eine grundsätzliche Tendenz in der Reizverarbeitung hinweisen. Dr. Vivian Gabor ergänzt einen weiteren wichtigen Aspekt: „Viele Reiter – und selbst manche Trainer – glauben, dass ein Pferd etwas „neu lernen“ muss, wenn man es ihm von der anderen Seite zeigt. 

Die natürliche Schiefe entsteht schon vor der Geburt – etwa durch die Lage im Mutterleib. Sie ist angeboren und nicht zu verwechseln mit der Lateralität, die sich erst später entwickelt.

Fohlen bevorzugen Sozialkontakte – wie den Kontakt zur Mutter – auf ihrer linken Seite. Fotos (4): Sabine Heüveldop

Doch das ist ein Irrtum: Pferde können Informationen zwischen beiden Augen übertragen – dieser sogenannte ‚interokulare Transfer‘ ist wissenschaftlich belegt.“ Allerdings: Ein Reiz wird emotional unterschiedlich bewertet – je nachdem, über welches Auge er aufgenommen wird. Auch das erklärt, warum Pferde auf einer Seite ruhig bleiben, auf der anderen aber nervös reagieren – selbst in eigentlich vertrauten Situationen.

Die berühmte Mülltonne

Viele Reiterinnen und Reiter haben es schon erlebt: Ein bekannter Gegenstand – etwa die berühmt-berüchtigte Mülltonne am Straßenrand, die das Pferd auf dem Hinweg unbeeindruckt passiert hat – kann auf dem Rückweg, wenn sie mit dem anderen Auge wahrgenommen wird, plötzlich Unsicherheit oder Stress auslösen. Lateralität verrät also nicht nur, wie ein Pferd sich bewegt, sondern auch, wie es fühlt. Wer sie erkennt und versteht, erhält wertvolle Hinweise auf das emotionale Gleichgewicht. Dr. Marr zeigt sich zudem fasziniert vom Zusammenhang zwischen Seitigkeit und emotionaler Grundverfassung: „Ich fand es toll, dass es ebenso wie bei Weißbüschelaffen auch bei Pferden einen Zusammenhang zwischen der motorischen Lateralität und ihrer Grundstimmung besteht, also dem sogenannten ‚cognitive bias‘.“ Und sie stellt eine spannende Frage für zukünftige Forschung: „Mich würde interessieren, inwieweit Stress nicht nur zur Linksseitigkeit, sondern auch zu Pessimismus führt. Dieser Zusammenhang ist naheliegend, aber wissenschaftlich noch nicht abschließend erforscht.“

Satteln, Trensen, Führen – traditionell erfolgt vieles auf der linken Seite des Pferdes. Diese Routine kann die Seitigkeit im Alltag verstärken. Foto: Thoms Lehmann/FN-Archiv

Viele Pferde, vor allem junge, lassen sich lieber auf der linken Hand longieren – ein Hinweis darauf, dass sie die Person in der Mitte lieber im linken Auge behalten. Foto: Antje Jandke/FN-Archiv

Beobachtungen im Alltag

Im täglichen Umgang mit Pferden macht sich Lateralität immer wieder bemerkbar: Manche Tiere lassen sich nur ungern von rechts führen, andere betrachten neue Objekte oder fremde Menschen bevorzugt mit dem linken Auge. Besonders in Situationen wie beim Verladen, bei Tierarztbesuchen oder auf dem Turnier wird dieses seitliche Verhalten sichtbar – und liefert wertvolle Hinweise. Prof. Dr. Krüger-Farrouj erklärt: „Wenn ein Pferd gestresst ist, wird es einen starken Vorzug dafür haben, Sie im Sichtfeld seines linken Auges zu halten.“ Auch eine plötzliche Veränderung – etwa wenn sich ein Pferd plötzlich nicht mehr von rechts führen lässt – kann ein Warnsignal sein. Prof. Dr. Konstanze Krüger-Farrouj betont: „Für mich ist solch eine Situation ein starkes Signal dafür, dass es dem Pferd an solch einem Tag nicht gut geht – körperlich oder mental.“ Wichtig ist dabei, Einseitigkeit im Umgang nicht unbeabsichtigt zu verstärken. Viele Routinen im Pferdealltag folgen überlieferten Gewohnheiten: So führen und satteln wir unsere Pferde fast immer von links – und sitzen traditionell ebenfalls von links auf. Die Linksorientierung im Pferdeumgang ist jedoch keine biologische Notwendigkeit, sondern eine Praxis mit militärischem Ursprung. 

Sie kann dazu führen, dass die rechte Seite des Pferdes unterfordert bleibt – und bei überraschenden Reizen von rechts entsprechend empfindlicher reagiert. Dr. Vivian Gabor warnt: „Wenn Reize immer nur auf der linken Seite gezeigt werden, kann die linke Hemisphäre bei überraschenden Reizen ‚von rechts‘ überreagieren – mit entsprechenden Gefahren für Mensch und Tier.“ Deshalb Deshalb empfiehlt es sich, Pferde beidseitig zu führen, Reize gezielt auch von rechts zu präsentieren und eigene Routinen regelmäßig zu variieren. So lernen beide Hirnhälften, flexibel mit neuen Situationen umzugehen – ein Plus an Sicherheit für beide Seiten.

Praxistipps der Expertinnen

Waltraud Böhmke

„Achten Sie im täglichen Umgang auf Ihre eigene Körpersymmetrie. Schon kleine Unterschiede in Haltung, Stand oder Bewegung können die Seitigkeit Ihres Pferdes unbewusst verstärken. Wer gezielt an Balance und Körperspannung arbeitet, sorgt für mehr Klarheit in der Kommunikation – und für mehr Harmonie in der gemeinsamen Bewegung.“

Dr. Vivian Gabor 

„Es ist sinnvoll, Reize im Training bewusst beidseitig zu präsentieren, um eine balancierte Verarbeitung in beiden Gehirnhälften zu fördern. Wenn beispielsweise Reize immer nur auf der linken Seite gezeigt werden (z.B. durch die konventionelle Führposition), kann die linke Hemisphäre bei überraschenden Reizen ‚von rechts‘ überreagieren – mit entsprechenden Gefahren für Mensch und Tier.“

Prof. Dr. Konstanze Krüger-Farrouj 

„Lässt sich Ihr Pferd plötzlich nicht mehr von rechts führen oder fixiert es sich stark auf die linke Seite? Das kann ein Warnsignal für Stress oder Unwohlsein sein. Achten Sie auf solche Veränderungen im Verhalten – und gönnen Sie dem Pferd eine Pause, anstatt Druck aufzubauen. Manchmal ist Entspannung die beste Trainingsmaßnahme.”

Dr. Isabell Marr 

„Beobachten Sie die Blickrichtung Ihres Pferdes – besonders in neuen oder stressbelasteten Situationen. Dreht es den Kopf nach rechts und nutzt vermehrt das linke Auge? Das kann auf innere Anspannung hinweisen – auch wenn das Pferd äußerlich ruhig wirkt. Warten Sie, bis sich der Blick zentriert und das Pferd emotional ausbalanciert erscheint, bevor Sie fortfahren.”

 

Lateralität als Trainingskompass

Pferde bevorzugen eine Seite – beim Schauen, Antreten, Biegen. Diese Vorlieben sind kein Zufall, sondern Ausdruck ihrer Lateralität. Was lange als bloße „natürliche Schiefe“ abgetan wurde, gilt heute als Schlüssel für pferdegerechtes Training. Statt Einseitigkeit als Fehler zu bekämpfen, lohnt es sich, sie als Kompass im Training zu nutzen. Dr. Vivian Gabor sagt: „Ich empfehle, die individuelle Seitigkeit als Trainingskompass zu nutzen: beobachten, dokumentieren und gezielt Reize und Übungen beidseitig anbieten.“ 

Nach aktuellem Forschungsstand steht die emotionale Bewertung neuer Situationen – ob eher optimistisch oder zurückhaltend – in Zusammenhang mit der motorischen Lateralität eines Pferdes. Foto: Thoms Lehmann/FN-Archiv 

Gerade in der Bodenarbeit lässt sich Lateralität gut erkennen: Viele Pferde sind auf einer Hand besser balanciert, auf der anderen weniger durchlässig oder beweglich. Dr. Vivian Gabor rät, diese Unterschiede nicht zu übergehen, sondern gezielt die schwächere Seite anzusprechen – mit kleinen Lernschritten, ohne Druck, aber mit deutlichem Belohnungseffekt für das Pferd. Auch das Temperament spielt eine Rolle. Dr. Isabell Marr hat gezeigt, dass sich aus der Startbeinpräferenz Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ziehen lassen: „Tritt ein Pferd häufiger mit dem rechten Vorderbein an (Startbeinpräferenz), bringt es meist mehr Neugier mit – ideal für spielerisches Lernen. Tritt es vermehr mit links an, braucht es eher emotionale Sicherheit, Vertrauen und einen behutsamen Trainingsaufbau.“ Dr. Vivian Gabor beobachtet zudem, dass sich Lateralität verändern kann – abhängig von Beziehung und Vertrauen: „In der Praxis habe ich beobachtet, dass sich solche visuellen Präferenzen in vertrauensvoller Zusammenarbeit oft verändern – ein Hinweis darauf, dass Lateralität nicht starr ist, sondern mit emotionaler Sicherheit und Beziehungserfahrung in Verbindung stehen kann.“ Auch Prof. Dr. Konstanze Krüger-Farrouj beschreibt, wie stark sich Lateralität durch den emotionalen Zustand verändern kann. Über ihre eigene Stute sagt sie: „Meine sensible Vollblutstute macht sich schief wie ein gespannter Bogen und ist kaum noch zu regulieren, wenn sie Stress empfindet. Es nützt überhaupt nichts zu versuchen, sie mit Kraft ‚geradezurichten‘. Ihre Schiefe wird dann nur noch schlimmer. Gönnt man ihr aber eine Entspannungspause, dann ist die starke Schiefe danach wie weggeblasen.“

Balance beginnt beim Menschen

Nicht nur Pferde haben eine bevorzugte Seite – auch wir Menschen sind selten vollkommen symmetrisch. Pferdewirtschaftsmeisterin und Ausbilderin Waltraud Böhmke erweitert die Betrachtung der Lateralität um eine entscheidende Perspektive: den Einfluss des Menschen. Sie betont, wie wichtig die eigene Körperwahrnehmung ist. „Wenn ich selbst alles mit der rechten Hand mache und es nicht gewohnt bin, mit der linken Seite zum Beispiel zu führen, dann tue ich mich schwer“, erklärt Böhmke. Für sie beginnt der Ausgleich der Lateralität des Pferdes deshalb beim Menschen selbst: „Das ist meine große Überschrift: Erst müssen wir an uns arbeiten.“ Schon in der täglichen Pflege des Pferdes könne man anfangen, bewusster zu handeln – etwa, indem man beidseitig führe oder putze. „Nicht einfach sagen: ‚Mit der Hand kann ich das nicht so gut‘ – denn da fängt Vermeidung an.“ Ihre Empfehlung: frühzeitig ansetzen, am besten bereits bei Kindern, die heute oft an Körperbewusstsein, positiver Körperspannung und Bewegungserfahrung verlieren. „Wenn wir selbst nicht in der Balance sind, können wir sie auch dem Pferd nicht vermitteln.“ Dabei sei es wichtig, den Blick von außen zu nutzen: „Unser eigenes Empfinden täuscht oft – ein geschulter Blick von außen ist deshalb Gold wert.“ Die Arbeit an der Lateralität ist ein gegenseitiger Prozess – und ein Schlüssel für ein harmonisches Miteinander von Pferd und Mensch.

 

Schon gewusst?

  • Bei Pferden ist die linke Gehirnhälfte zu etwa 80 Prozent mit der rechten Körperhälfte verbunden – und umgekehrt. 
  • Pferde verwenden bei Stress nach und nach vermehrt die linken Gliedmaßen. Da diese Veränderung langsam geschieht, ist sie ein zuverlässiger Indikator für langanhaltenden Stress. 
  • Dem Pferd zu helfen, die sensorischen Eingaben von beiden Seiten seines Körpers zu koordinieren, ist wahrscheinlich der am häufigsten übersehene und unterschätzteste Aspekt des Anreitens. 

(Quelle: Krüger, Marr & Farmer, 2024: „Lateralität bei Pferden“, Kosmos Verlag)

Unter pferdegerechten Haltungsbedingungen zeigen Pferde eine ausgeglichene motorische Lateralität. Foto: Sabine Heüveldop

Mit der Lateralität trainieren

Lateralität eröffnet einen neuen Blick auf vertraute Situationen: über Vorlieben, Gefühle und den Umgang mit neuen Reizen. Was früher vorschnell als Widersetzlichkeit galt, kann heute als Ausdruck individueller Seitigkeit verstanden werden – und als Chance: für gezielteres Training, mehr Verständnis und eine tiefere Verbindung zum Pferd. Wer die Lateralität seines Pferdes kennt, kann Lernprozesse individueller gestalten. 

Das steigert nicht nur die Ausgeglichenheit, sondern auch die Motivation. Besonders in der Bodenarbeit lassen sich Seitigkeiten gut beobachten, gezielt aufgreifen und sanft ausbalancieren – mit kleinschrittigem Aufbau, klarer Kommunikation und Belohnungseffekt. Dr. Isabell Marr zeigt in einem eindrücklichen Beispiel, wie wichtig es ist, im Training nicht nur das äußere Verhalten eines Pferdes zu beurteilen, sondern auch dessen subtile Signale zu deuten: „Meine eigene Stute, die ich letzten Sommer angeritten habe, zeigte weder beim ersten Tragen des Longiergurtes noch beim Sattel oder ersten Ritt auffälliges Verhalten. Für Außenstehende wirkte sie völlig entspannt. Doch ich beobachtete bei jedem dieser Schritte, wie sie ihren Kopf zunehmend nach rechts drehte – ein Hinweis darauf, dass sie verstärkt ihre linken Sinnesorgane einsetzte. Das zeigte mir: Sie war innerlich nicht so gelöst, wie es schien. Ich wartete jedes Mal, bis sie ihren Kopf wieder weich nach links stellte und sich selbst mehr zentrierte, bevor ich weiterarbeitete – so kam es nie zur Überforderung.“ Dieses Beispiel unterstreicht, wie Lateralität helfen kann, den richtigen Moment im Training zu erkennen. Wer feine Signale wie Blickrichtung oder Körperausrichtung ernst nimmt, kann individueller und fairer auf das Pferd eingehen – und so das Vertrauen stärken. Auch im Sattel bringt ein bewusster Umgang mit der Seitigkeit Vorteile: Der Wechsel der Hand, fein abgestimmte Seitengänge und Übungen zur Körperwahrnehmung fördern Balance und Losgelassenheit.

Fazit

Auch wenn heute einiges über Lateralität bekannt ist, steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen: Lateralität ist kein abgeschlossenes Kapitel. Vieles bleibt spannend. Und je besser wir Pferde verstehen, desto fairer können wir sie ausbilden. Dr. Isabell Marr fasst zusammen: „Körperliche Balance hängt von emotionaler Balance ab. Ohne positive Grundstimmung ist keine reelle Losgelassenheit erreichbar.“ Das bedeutet: Je besser ein Pferd sich in seinem Körper zurechtfindet, desto leichter kann es auch den Reiter tragen – physisch wie mental.

Sabine Heüveldop

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