Westfälisches Jugendseminar lockte über tausend Besucher nach Münster

„Sprung frei“ zur Nachahmung empfohlen

Der Springsport besitzt ganz offensichtlich große Anziehungskraft auf junge Reiterinnen und Reiter. Beim Seminar „Sprung frei“ des Pferdesportverbands Westfalen konnten sich die Jugendlichen über Talentförderung informieren und Kaderreitern und Bundestrainern über die Schulter blicken. Der weitaus größte Teil der Gäste war bis 16 Jahre alt und im Turniersport aktiv. Dies ergab eine Umfrage per Handzeichen durch WDR-Reporter Markus Tepper, der das Programm moderierte. Teilnehmer und Trainer waren sich einig: Diese Initiative sollte Schule machen.

Deutschlands Nachwuchsspringreiter sind seit Jahren im In- und Ausland hoch erfolgreich. Doch immer häufiger beobachten die Bundestrainer reiterliche Defizite und Wissenslücken, was die Abläufe beim Turnier selbst betrifft. Nicht alle haben das Glück, auf ihrem Weg von einen erfahrenen Ausbilder oder Reiter unterstützt zu werden. Unbekannt sind vielen auch die Förderungs- und Sichtungsmöglichkeiten, die der jeweilige Landesverband für seine Jugendlichen bietet – sowohl sportlich, als auch ehrenamtlich oder als Jungzüchter.

Diese Lücke wollte das westfälische Jugendseminar schließen. Der erste praktische Teil begann bereits mit einem Highlight: Mannschaftsolympiasiegerin Ingrid Klimke beleuchtete das Thema Sitz und Einwirkung und gab den Zuschauern ein guten Rat mit auf den Weg zum Erfolg: „Üben, üben, üben.“ Wie sich ein Springtraining mit einfachen Hilfsmitteln wie Bodenricks wenig aufwändig, aber sinnvoll gestalten lässt, zeigte Stützpunkttrainer Gerd Könemann den jugendlichen Zuschauern. In zweiten Teil ging es dann ans Eingemachte – um das Reiten auf dem Turnier selbst. Zunächst demonstrierte Children-Bundestrainer Eberhard Seemann mit vier Reitern sinnvolles Abreiten der Pferde auf dem Vorbereitungsplatz. Dazu war in der großen Halle bewusst ein kleiner Teil abgegrenzt worden, um die Realität auf vielen Turnieren zu simulieren.

„Wir beobachten leider immer wieder, dass eine Prüfung um 14 Uhr beginnt und schon um 13.30 Uhr der Erste auf dem Vorbereitungsplatz ‚Sprung frei‘ ruft“, mahnte Seemann zur dosierten Nutzung der Probesprünge. „Es heißt ja auch Abreiten und nicht Abspringen. Geübt werden muss zuhause“, erklärte er. Wörtlich nahm auch Landestrainer Klaus Reinacher den Begriff „Parcours abgehen“. Mit den vier Probanden schritt er genau den Weg ab, den diese später nehmen sollten, erläuterte Anreitwege und Distanzen. „Nie abkürzen, immer den Weg so ablaufen, wie ich ihn nachher auch reiten will“, erklärte Reinacher. Wie unterschiedlich dieser sein kann, je nachdem ob es sich um ein Stil- oder Zeitspringen handelt, davon konnten sich die Zuschauer später selbst überzeugen. So nahm Laura Könemann, die denselben Parcours „auf Zeit“ sprang, ihren drei Vorreitern nur durch geschickte Linienführung locker einige Sekunden ab. „Und? Haben sich die vier Reiter an die Vorgaben ihres Trainers gehalten?“, fragte Peter Teeuwen. Gemeinsam mit den Teilnehmern und dem Publikum analysierte der Pony-Bundestrainer zum Abschluss die Ritte. Dabei verdeutlichte er den Jugendlichen und ihren Eltern, wie wichtig eine gründliche Nachbetrachtung ist, wenn man sich weiterentwickeln will. Dazu ließ Teeuwen das Publikum auch in die Rolle des Richters schlüpfen und Noten vergeben. Und siehe da, das richtige Maß zu finden, entpuppte sich als gar nicht so einfach. „Wenn man am Rand steht, ist man mit Kritik schnell dabei. Wenn man aber selbst in die Situation gerät, eine Note vergeben und diese auch begründen zu müssen, relativiert sich das alles. Auf einmal geht es um die Details“, sagte Teeuwen.

 

Nach dem praktischen Programm machten die jungen Besucher rege Gebrauch von den Möglichkeiten, sich an diversen Infoständen zum Ausbildungsangebot zu informieren: Wie kann ich Trainer werden, wo ein Reitabzeichen machen, welche Fördermöglichkeiten und wichtige Jugendturniere gibt es in Westfalen? „Die Jugendlichen kamen ganz gezielt mit Fragen hier an. Zum Beispiel wollten sie wissen, wer zum Stützpunkttraining kommen darf und wie man in einen Kader kommt“, sagte Björn Brosius vom PV Westfalen. Auskunft gaben aber auch die Jungzüchter über ihre Arbeit im Pferdezuchtverband, das JustWE-Team informierte über Möglichkeiten für junge Ehrenamtler und die Sportwissenschaftlerin Dr. Meike Riedel erläuterte den Sportfitnesstest für Reiter. Wer wollte, konnte sich auch bei den beiden Sportsoldatinnen Pia Münker und Caro Thenhausen über die Fördermöglichkeiten an der Bundeswehrsportschule in Warendorf erkundigen.

Aus dem Leben eines erfolgreichen Springreiters berichteten der dreimalige Derby-Sieger Toni Hassmann und der Warendorfer Christian Kukuk, der im Stall Ludger Beerbaum arbeitet. Sie schilderten nicht nur ihren persönlichen Werdegang, sondern auch, wie sie gelernt haben, mit Erfolg und Rückschlägen umzugehen: „Jede Niederlage hat mich weitergebracht, mich stark gemacht. Jeder erlebt solche Momente. Man muss nur sehen, dass es weitergeht“, forderte Toni Hassmann das junge Publikum auf, sich nicht entmutigen zu lassen.


 

Interview mit Eberhard Seemann

PM-Forum: Herr Seemann, Sie haben sich spontan bereit erklärt, beim ersten Jugendseminar in Westfalen mitzuwirken. Was hat Sie dazu bewogen?
Seemann: „Wenn die Kinder und Jugendlichen zu uns in die Lehrgänge kommen, stellen wir leider immer öfter fest, dass es oft an der Grundausbildung hapert. Aber auch, dass sie und ihre Eltern sich zu wenig mit den Strukturen in unserem Sport auskennen. Viele Eltern haben keinen reiterlichen Hintergrund und wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen, wer ihre Ansprechpartner sind oder wo sie einen Trainer finden. Bisher haben wir uns mit solchen Seminaren vorwiegend an die Ausbilder gewandt, jetzt wollten wir mal direkt die Betroffenen, also die Kinder und Jugendlichen, ansprechen.

PM-Forum: Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?
Seemann: Wir waren alle mehr als überrascht und beeindruckt, wie viele Zuschauer vor Ort waren und wie interessiert sie bis zuletzt zugehört haben. Stellenweise war es wirklich mucksmäuschenstill auf der Tribüne. Man sollte solche Seminare auf jeden Fall wiederholen, am besten auch in anderen Landesverbänden. Wenn man das öfter macht, kann man auch mit den Schwerpunkten variieren. In diesem Jahr war es ja ein Rundumschlag von der Grundausbildung bis zum Parcoursreiten. Wobei allerdings die Arbeit auf dem Vorbereitungsplatz schon einen breiten Raum eingenommen hat, denn gerade hier werden viele Fehler gemacht.

PM-Forum: Glauben Sie, dass das Seminar nachhaltig etwas verbessern konnte?
Seemann: Es war wirklich eine gute Sache und hat zumindest den Anstoß zum Nachdenken gegeben. Ich glaube, dass wir auch den Trainern im Verein Rückendeckung für ihre Ausbildertätigkeit geben konnten. Wichtig war, dass die Jugendlichen gelernt haben, dass zum Springreiten auch die dressurmäßige Ausbildung dazugehört, dass auch die Profis nie aufhören, an sich zu arbeiten, und dass man beim Reiten ruhig auch mal schwitzen darf (lacht).

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