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Pferdepfleger im Interview: Nicole Hochstrat und Christina Franzeski

Die Vorschau auf die EM Vielseitigkeit 2025

Vor Weltkulturerbe zwei Medaillen als Ziel 

Von 18. bis 21. September findet im englischen Blenheim die Agria FEI Europameisterschaft der Vielseitigkeitsreiter statt – es werden die 37. Europameisterschaften im Vielseitigkeitsreiten. Zum zwölften Mal küren Europas Vielseitigkeitsreiter ihre Meister in Großbritannien, zum zweiten Mal nach 2005 vor der Kulisse des Blenheim Palace. Das PM-Forum hat mit Bundestrainer Peter Thomsen über die größte Herausforderung in Blenheim, die Favoriten und die Bedeutung von Wasser, Gras und Hügeln bei der kommenden EM gesprochen.

Michael Jung und Chipmunk FRH haben in diesem Jahr das Fünf-Sterne-Turnier in Lexington gewonnen – ihr Platz im EM-Team scheint sicher. Foto: Shannon Brinkmann/Arnd Bronkhorst Pferde Fotografie

Deutsche Erfolgsgeschichte

2011 begann für die deutsche Equipe eine Siegesserie bei Europameisterschaften: Dreimal hintereinander feierten die deutschen Reiter Teamgold. Insgesamt hat sich das Team bisher sechsmal Gold bei Europameisterschaften verdient, siebenmal Silber und viermal Bronze. Sieben Mal waren Europas beste Vielseitigkeitsreiter schon zu Gast in Deutschland, um ihre Titelkämpfe auszutragen.

PM-Forum: Die Europameisterschaft steht vor der Tür – was wird die größte Herausforderung in Blenheim? 

Peter Thomsen: Die größte Herausforderung bei dieser Europameisterschaft wird ganz klar, den Engländern auf eigenem Territorium, das sie seit Jahrzehnten bereiten, das Leben schwer zu machen. Die Engländer sind in herausragender Form, sie haben das Fünf- bis Zehnfache an Vier- und Fünf-Sterne- Paaren im Vergleich zu uns und anderen Nationen – für mich sind sie die absoluten Favoriten, aber wir wollen dagegenhalten.

PM-Forum: Neben den Engländern und Ihrem eigenen Team – wer könnte um Medaillen reiten?

Peter Thomsen: Frankreich gehört sicher auch zu den starken Nationen, sie haben immer tolle Reiter. Die Schweizer haben im Juli in Avenches einen starken Heimsieg im Nationenpreis gefeiert. Die Iren sind im Aufwind und auch Belgien und Schweden gehören zu den besseren Nationen.

PM-Forum: Das Team wurde benannt, wie würden Sie die Philosophie hinter der Auswahl beschreiben?

Peter Thomsen: Die nach-olympischen Jahre stehen immer etwas unter dem Motto, neue Reiter und Pferde zu entwickeln, über Europa- und Weltmeisterschaften wieder aufzubauen für den Höhepunkt Olympische Spiele. Deswegen nutzen wir gerne Europameisterschaften, um noch etwas unerfahreneren Reitern die Chance zu geben, ein Championat zu reiten. Ich spreche bewusst von den Reitern, jüngere bzw. unerfahrenere Pferde sind auf Championaten schnell überfordert. Da folgen wir immer der Philosophie: Der längere Weg ist der kürzere. Soll heißen: Viel Zeit lassen bei der Ausbildung und beim Aufbau der Pferde, das führt letztendlich direkter zum Ziel. Unser Team ist also ein Mix aus Erfahrung und Championats-Neulingen.

 

Die deutschen Reiter für die EM Vielseitigkeit 2025

  • Calvin Böckmann mit The Phantom of the Opera
  • Malin Hansen-Hotopp mit Carlitos Quidditch K
  • Michael Jung mit fischerChipmunk FRH
  • Libussa Lübbeke mit Caramia
  • Jérôme Robiné mit Black Ice
  • Anna Siemer mit FRH Butt’s Avondale
  • 1. Reserve: Nicolai Aldinger mit Timmo
  • 2. Reserve: Emma Brüssau mit Dark Desire GS

Welche vier Paare davon die deutsche Mannschaft bilden, entscheidet sich endgültig erst vor Ort in Großbritannien.

Julia Krajewski verzichtet mit Uelzener’s Nickel auf die EM in Blenheim. In einem Statement auf Instagram gab sie bekannt, dass der Austragungsort mit dem sehr hügeligen Gelände nicht so gut zu ihrem Pferd passe und sie daher mit Blick auf das Wohlbefinden ihres Pferdes anstatt der EM lieber ein anderes Vier-Sterne-Event im Herbst anstrebe.

PM-Forum: Erfahrung, hören wir heraus, spielt eine immense Rolle…

Peter Thomsen: Es ist immer von Vorteil, wenn die Reiter schon Championatserfahrung haben. Aber: Diese Erfahrung muss man auch irgendwo sammeln können. Denken wir beispielsweise an Julia Krajewski. Sie hat auch erst Erfahrung sammeln und die ein oder andere Niederlage einstecken müssen und ist dann Olympiasiegerin geworden. Der Ablauf auf einem Championat, der Druck, die Medien – es hilft ungemein, wenn man das kennt und damit umzugehen weiß.

PM-Forum: Was wird in Blenheim ausschlaggebend für die Medaillen sein?

Peter Thomsen: Ich denke, das Gelände wird wie immer der entscheidende Faktor sein. Wir brauchen drei Nullrunden, die möglichst nah an der Zeit sind, um aufs Podium zu kommen. Die Dressur und das Springen sind dann für die Farbe der Medaille verantwortlich. Wir haben dieses Jahr jedem Reiter die Chance gegeben, seine Vorbereitung so flexibel wie möglich zu gestalten. Wir haben möglichst wenig Auflagen gemacht, damit jeder seinen Sichtungsweg für sich und das Pferd individuell angepasst selbst gestalten kann. Natürlich waren sich die Reiter bei der Auswahl der Turniere bewusst, dass ein Fünf-Sterne-Turnier andere sportliche Wertigkeit hat als ein leichtes Vier-Sterne-Turnier beispielsweise, trotzdem kann es auch individuelle Gründe für ein etwas einfacheres Turnier geben. Nur unsere letzte Sichtung in Arville hatten wir zum Pflichtstart erklärt, damit dort noch mal alle gegeneinander antreten. Fünf Wochen vor dem Championat konnten wir in Arville auch noch mal die Formkurve abfragen – geht die Form nach oben oder nach unten. Außerdem haben wir in Arville auch hügeliges Gelände, ähnlich wie in Blenheim. So konnten wir gut beurteilen, ob die Pferde „am Schnaufen“ sind oder topfit.

Bundestrainer Peter Thomsen gibt zwei Medaillen als Ziel aus. Foto: Monika Kaup/FN-Archiv 

Calvin Böckmann und The Phantom of the Opera waren in Paris das deutsche Reservepaar, in diesem Jahr platzierten sie sich u.a. beim Fünf-Sterne-Event in Lexington – nun hoffen sie auf ein Ticket zur EM. Foto: Shannon Brinkmann/Arnd Bronkhorst Pferde Fotografie

Gastgeber-Erfolge

24-mal haben sich die britischen Reiter bisher Teamgold bei Europameisterschaften gesichert, das ist der Rekord. Hinzu kommen sechs Silber- und vier Bronzemedaillen mit dem Team. Elfmal, so häufig wie keine andere Nation, waren die Briten bereits EM-Gastgeber.

PM-Forum: Was war in der Vorbereitung dieses Jahr vielleicht anders als in den Vorjahren? 

Peter Thomsen: Wir haben dieses Jahr jedem Reiter die Chance gegeben, seine Vorbereitung so flexibel wie möglich zu gestalten. Wir haben möglichst wenig Auflagen gemacht, damit jeder seinen Sichtungsweg für sich und das Pferd individuell angepasst selbst gestalten kann. Natürlich waren sich die Reiter bei der Auswahl der Turniere bewusst, dass ein Fünf-Sterne-Turnier andere sportliche Wertigkeit hat als ein leichtes Vier-Sterne-Turnier beispielsweise, trotzdem kann es auch individuelle Gründe für ein etwas einfacheres Turnier geben. Nur unsere letzte Sichtung in Arville hatten wir zum Pflichtstart erklärt, damit dort noch mal alle gegeneinander antreten. Fünf Wochen vor dem Championat konnten wir in Arville auch noch mal die Formkurve abfragen – geht die Form nach oben oder nach unten. Außerdem haben wir in Arville auch hügeliges Gelände, ähnlich wie in Blenheim. So konnten wir gut beurteilen, ob die Pferde „am Schnaufen“ sind oder topfit.

Bedeutungsvolles Schloss 

Blenheim Palace gehört zu den größten und bekanntesten Schlössern Englands. Knapp eine Million Besucher machen sich jährlich auf den Weg des für John Churchill gebauten Schlosses. Hier war auch der Geburtsort und Stammsitz von Sir Winston Churchill. Das Schloss wurde zwischen 1705 und 1722 erbaut und nach der Schlacht von Blenheim im Jahr 1704 benannt. 1987 wurde Blenheim Palace zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Seit 1990 wird im Park des Schlosses jedes Jahr das internationale Drei-Sterne-Event der Vielseitigkeitsreiter ausgetragen, fünfmal, von 2008 bis 2012, war Blenheim auch Austragungsort für die Weltmeisterschaft der Brompton- Faltradfahrer. Außerdem dient Blenheim Palace immer wieder als Film-Kulisse – beispielsweise für Cinderella, Hamlet, Harry Potter und James Bond 007.

Tradition in jeder Hinsicht 

Die Vielseitigkeit hat größte Tradition in Großbritannien.1953 wurde in Badminton die erste Europameisterschaft der Geschichte im Vielseitigkeitsreiten ausgetragen. Den Sieg errang das einzige der sechs angetretenen Teams, das ein vollständiges Teamergebnis erzielen konnte: die Briten. Bei der Europameisterschaft 1957 gewann die erste Frau, Sheila Willcox, eine Britin. 2005 gewann Zara Phillips auf Toy Town Einzelgold, 34 Jahre zuvor war genau das auch ihrer Mutter, Anne Mountbatten-Windsor, mit Doublet gelungen. Britische Familientradition.

Malin Hansen-Hotopp und Carlitos Quidditch K gewannen bei der EM 2023 Silber mit dem deutschen Team – ob es auch 2025 für die EM reicht? Foto: Dirk Caremans/sportfotos-lafrentz.de

Mit einem starken dritten Platz bei der letzten Sichtung in Arville hatten sich Anna Siemer und FRH Butt´s Avondale ihr EM-Ticket gesichert. Nun mussten sie ihren Start dort aufgrund eines kleinen Befunds bei der Stute kurzfristig absagen. Foto: Dirk Caremans/sportfotos-lafrentz.de

PM-Forum: Und wie ist die „Generalprobe“ in Arville gelaufen?

Peter Thomsen: Die ist sehr gut geglückt, wir haben den Nationenpreis gewonnen und der Ergebniszettel sieht sehr gut aus. Einige Reiter hatten die Freigabe, eine ruhigere Runde zu drehen, aber alle, die sich noch in Szene setzen wollten, haben das eindrucksvoll getan. Die Reiter haben uns die Entscheidung sehr schwer gemacht, weil wir einige absolut gleichwertige Paare haben. Wir haben die Paare von allen Seiten beleuchtet, ihre Ergebnisse, Erfahrungen, letzte Starts. Wir haben auch die Disziplintrainer mit einbezogen und ich denke, wir fahren mit einem Top-Team zur Europameisterschaft.

PM-Forum: Sie sind selbst schon in Blenheim geritten und waren im vergangenen Jahr mit einigen Reitern vor Ort. Erzählen Sie uns vom EM-Ort 2025. 

Peter Thomsen: Ja genau, letztes Jahr waren Jérôme Robiné, Calvin Böckmann, Felix Etzel, Brandon Schäfer-Gehrau und Libussa Lübbeke in Blenheim und konnten Erfahrungen sammeln, die für uns wertvoll waren. Konditionell ist das Gelände in Blenheim sehr anspruchsvoll und wir erwarten typisch britische Hindernisse und gewaltige Wassereinsprünge.

Die Titelverteidiger

Die Team-Goldmedaille wurde 2023 an Großbritannien vergeben, für die deutsche Equipe gab es Silber. Im Einzel siegte Rosalind Canter, Sandra Auffarth gewann Bronze. Schon jetzt steht fest, dass es im Einzel auf jeden Fall keine Titelverteidigung geben wird – Rosalind Canter gab im August bekannt, dass sie ihr zweites Kind erwartet und bei der EM auf jeden Fall fehlen wird.

In Blenheim ist ein Einsprung in einen kleinen Fluss dabei, in dem man dann über etwa 75 Meter weiter galoppiert bei einer Wasserhöhe von circa 20 Zentimetern. Das kostet ein bisschen Kraft, ist aber vor allem optisch für die Pferde eine Herausforderung. Und natürlich haben Pferde mit einem hohen Vollblutanteil, die von sich aus schnell und konditionell fit sind, in dem Gelände einen Vorteil gegenüber den Warmblütern.

PM-Forum: Die Kulisse mit dem Schloss ist in Blenheim besonders – was noch?

Peter Thomsen: Dass alles auf Gras geritten wird, auch Springen und Dressur. Das ist für uns ein Nachteil, weil wir es nicht gewohnt sind. Die Briten dagegen reiten zu 80 Prozent auf Gras. Deshalb bieten wir in unserem Shortlist-Lehrgang auch noch mal Aufgabe reiten und Parcours springen auf Gras an.

PM-Forum: Der Shortlist-Lehrgang ist so etwas wie ein Trainingslager?

Peter Thomsen: Genau, für die Reiter von der Shortlist, das sind dann insgesamt sechs, vier für das Team und zwei Einzelreiter, bieten wir Anfang September in Warendorf einen dreibis viertägigen Lehrgang an. Man trifft sich noch mal, kümmert sich um Teambuilding, trainiert zusammen und wir werden noch einmal ein Galopptraining einbauen, um zu überprüfen, dass die Pferde top-gesund und in Kondition sind.

PM-Forum: Die Anreise auf die Insel ist seit dem Brexit deutlich komplizierter geworden … 

Peter Thomsen: … und teurer. Das ist leider absolut so. Wir werden in zwei Etappen anreisen. Erst fahren wir mit den Pferden bis Calais, übernachten dort und dann geht’s am nächsten Morgen weiter nach Blenheim. Wir wollen die Reise so stressfrei wie möglich gestalten, damit kein Pferd Reisefieber bekommt.

PM-Forum: Es gibt eine Tradition, die Sie auch in diesem Jahr fortführen werden …?

Peter Thomsen: Wir machen immer vor dem Championat einen Abend, der unter dem Motto der gastgebenden Nation steht. Vor den Olympischen Spielen in Hongkong haben wir einen chinesischen Abend gemacht, vor Tokio einen japanischen und jetzt werden wir innerhalb des Shortlist- Lehrgangs einen englischen Abend zusammen verbringen – mit englischem Essen und vielleicht auch mit irgendwelchen Aktivitäten, die zu England passen.

PM-Forum: Sie sind selbst bei sieben Europameisterschaften am Start gewesen, dies ist Ihre zweite als Bundestrainer. Mit welcher Erwartungshaltung reisen Sie zur EM?

Peter Thomsen: Das Ziel ist eine Team- und eine Einzel-Medaille. Wenn wir zwei Medaillen kriegen, bin ich super happy. Wenn wir mit einer Medaille nach Hause fahren, ist es okay. Ohne Medaille – das wäre eine Niederlage. Um unser Ziel zu erreichen, müssen wir natürlich topvorbereitet sein, aber man muss an einem solchen Wochenende auch die richtigen Reithosen anhaben – also das berühmte Quäntchen Glück.

 

EM-Wettkampfmodus 2025

Sechs Paare dürfen für Deutschland in Blenheim an den Start gehen, vier Paare für das Team und zwei Einzelreiter. Für die Mannschaftswertung zählen die besten drei Teamritte. Aus Dressur, Gelände und Springen ergibt sich sowohl die Mannschafts- als auch die Einzelwertung.

Das Interview führte Kim Kreling

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