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Wie viel Training braucht ein Pferd?

Zwischen Leistungssport und Liegestuhl

Die meisten Pferdefreunde möchte nur das Beste für ihre Vierbeiner. Und dennoch: Wenn es um deren „Nutzung“ geht, scheiden sich oft die Geister. Die einen möchten ihr Pferd sportlich bis zur höchsten Klasse fördern, die anderen beäugen genau dies skeptisch. Die einen wollen überwiegend ins Gelände reiten, wieder andere mit ihrem Pferd spazieren gehen. Was aber ist das Beste für das Pferd? Wie viel Training braucht es, auch um gesund zu bleiben? Und gibt es ein „zu viel“? Sportwissenschaftlerin und Dressurausbilderin Dr. Britta Schöffmann hat sich mit diesen Fragen beschäftigt.

Wie umfangreich und intensiv sollte Pferdetraining sein? Foto: Jacques Toffi

Wenn es darum geht herauszufinden, was im Zusammenleben Pferd und Mensch für das Pferd wichtig ist, muss man sich auf jeden Fall mit dessen Bedürfnissen auseinandersetzen. Dabei gibt es solche, die für Tier und Mensch letztlich gleich sind – die sogenannten physiologischen Grundbedürfnisse wie atmen, (fr)essen, trinken, schlafen etc. Doch neben diesen Vitalbedürfnissen gibt es vor allem für Tiere noch sogenannte verhaltensbezogene Bedürfnisse, deren Erfüllung wichtig ist, darunter fallen unter anderem das Bedürfnis nach Sozialkontakten (zu Artgenossen), das Ruhebedürfnis und das Bedürfnis nach Bewegung.

Lauftier Pferd

Pferde sind – als ehemalige Steppenbewohner – Lauftiere. Der Drang, sich ausgiebig zu bewegen, liegt in ihrer Natur, ist ein angeborenes, echtes Bedürfnis.In der freien Wildbahn legen Pferde auf der Suche nach Futter täglich rund 30 Kilometer zurück, bei kargem Nahrungsangebot auch bis zu 50 Kilometer und mehr. Dabei überwiegt langsames Gehen beim Grasen, unterbrochen von Dösen während Pausen oder flotten (Flucht-)Sprints. Der ganze Pferdekörper ist darauf ausgerichtet, vor allem auch Herz und Lunge. Im Ruhezustand liegt die Herzfrequenz eines erwachsenen Großpferdes bei etwa 30 bis 40 Schlägen, unter Belastung kann diese Frequenz bis auf rund 200 Schläge pro Minute ansteigen. Dabei werden dann bis zum 500 Liter Blut pro Minute durch den Körper gepumpt.

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Mehr als eine Stunde

Dass ein Pferd bei ausschließlicher Einzelhaltung in der Box nicht die für sein körperliches und mentales Wohlbefinden notwendige Bewegung erhält, ist inzwischen wohl jedem klar. Das eine Stündchen unter dem Reiter reicht bei weitem nicht aus. Doch wie sieht es bei artgerechterer Haltung aus, bei viel Weidegang oder Gruppenhaltung im Bewegungsstall? Ist das genug? Nicht unbedingt, denn auch hier fehlt meist die Möglichkeit (und auch die Notwendigkeit), sich mindestens 30 Kilometer am Tag in unterschiedlichen Gangarten zu bewegen. 

Langsames Gehen beim Grasen – damit verbringen Pferde in freier Wildbahn ihren Tag und legen so rund 30 Kilometer zurück. Foto: Jacques Toffi

Wer domestizierte Pferde auf der Weide beobachtet, sieht sie meist grasen und dösen, viel mehr passiert nicht. Letztlich ist es also die ausgewogene Kombination aus möglichst artgerechter Haltung und kontrollierter Bewegung, die den Ausschlag gibt.

Essenzielle Sprints

Die Kontrolle der Bewegung bezieht sich dabei auch auf Art und Intensität der Aktivität des Pferdes bzw. mit dem Pferd. Tägliche Spaziergänge an der Hand können – vorausgesetzt, man marschiert mit seinem Vierbeiner dabei tatsächlich mindestens 20 Kilometer, besser 30 oder 40 – dem Pferd zwar auf jeden Fall gut tun. Doch es fehlen hier die schnellen Sprints, die das Herz des Pferdes, ein wahres Hochleistungsorgan, in die lebensnotwendige Wallung bringen. Und auch die riesige Pferdelunge, die immerhin locker 55 Liter Luft fassen kann, braucht solche Bewegungsspitzen, um ausreichend durchlüftet zu werden. Bei normaler Atmung in Ruhe liegt die Atemfrequenz eines Pferdes im Schnitt bei etwa 15 Atemzügen pro Minute, wobei etwa 55 bis 70 Liter Luft durch die Lunge zirkulieren. Im Trab erhöht sich dieser Wert bei tieferer Ein- und Ausatmung auf bis rund 300 Liter pro Minute, unter körperlicher Höchstleistung (z.B. bei Galoppern) sind sogar 2.000 Liter Luft bei 150 Atemzügen innerhalb einer Minute in die Lunge und wieder heraus möglich.

Auf wem Weg in den Leistungssport gibt es keine Abkürzung: Ein systematischer Trainingsaufbau mit kleinen Schritten ist der Schlüssel zum Erfolg. Foto: Jacques Toffi

Ein früher Trainingsbeginn junger Pferde hat laut Studie positive Auswirkungen auf die Skelettgesundheit – vorausgesetzt, das Training wird dosiert und mit Augenmaß gestaltet. Foto: Holger Schupp

Viele positive Effekte

Je besser ein Pferd trainiert ist, egal ob in freier Wildbahn oder unter der Obhut des Menschen, desto mehr erhöhen sich auch Blut- und Lungenvolumen und ermöglichen eine bessere Versorgung der Muskulatur. Gegen Training ist also nichts einzuwenden – im Gegenteil. Zahlreiche humanmedizinische und auch tiermedizinische Untersuchungen haben gezeigt, dass kontrolliertes, systematisches Training Muskeln aufbaut, Sehnen und Bänder belastbarer macht, den Gelenkstoffwechsel stimuliert, Arthroseprozesse verzögern kann (bei entsprechend angepasster Dosierung der Belastung) und auch die Herz-Kreislauf-Leistung verbessert. Selbst die Knochendichte erhöht sich unter Training. Wird der Knochen dagegen nicht oder nur wenig belastet, baut er sich mit der Zeit sogar ab.

Ab wann ist es Training?

Wie dabei Training allerdings genau zu definieren ist, lässt sich nicht ganz einfach und eindeutig beantworten. Zu komplex sind die Bereiche, bei denen sich die Sportwissenschaft mit dem Begriff und seinen Inhalten beschäftigt. Einig sind sich die Wissenschaftler darin, dass Training planmäßig und systematisch sein muss. Ob als Ziel die sportliche Leistungssteigerung im Vordergrund steht oder lediglich die Verbesserung oder Aufrechterhaltung der Gesundheit im Sinne von Prävention von Krankheiten, hängt von der Ausrichtung ab. Und von dieser Ausrichtung hängt letztlich auch ab, wie intensiv der Reiter mit seinem Pferd arbeitet und arbeiten sollte. Ein intensives, bis ins kleinste Detail durchgeplantes Training eines Pferdes aus dem Hochleistungssport kann genauso sinnvoll sein wie das allgemeine Training eines Pferdes, dessen Reiter nicht nach Championats-Ehren strebt.

Raus aus der Komfortzone

Wichtig für beide Richtungen ist, dass das Training (oder auch das Nicht-Training) dem Pferd nicht schaden darf. Um dies zu gewährleisten, sollten bestimmte Prinzipien eingehalten werden. Über allem steht das Prinzip der Entwicklungs- und Gesundheitsförderung. Der Aufbau und die Verbesserung von Kondition, Kraft und Beweglichkeit ist deshalb eine Grundvoraussetzung für die Arbeit mit dem Pferd, denn damit schafft der Reiter die Grundlage dafür, dass es Belastungen auch verträgt.

Egal, wie viel sie gearbeitet werden: Freie Bewegung, idealerweise mit Artgenossen zusammen, ist unerlässlich für Pferde. Foto: Jacques Toffi

 Um hier weiterzukommen, müssen entsprechende Trainingsreize gesetzt werden, das gilt für Pferd und Mensch gleichermaßen. Vom Liegestuhl aus trainiert es sich nun mal nicht besonders effektiv. Wer nur auf der Couch herumlümmelt, wird auf Dauer eher krank statt dass er gesund bleibt. Trainingsreize müssen nämlich leicht bis mittel (optimal) überschwellig, also über der reinen Wohlfühlaktion, gesetzt werden, um überhaupt einen Effekt zu erzielen und physiologische Veränderungen hervorrufen zu können. Zu starke Reize in Sinne von körperlicher Überforderung schädigen den Organismus dagegen.

Belastungsmerkmale kennen

Ein weiteres Prinzip ist das der sogenannten Belastungsmerkmale, das heißt: Belastungsintensität, Belastungsumfang, Belastungsdauer, Belastungsdichte und Trainingshäufigkeit. Denn erst die entsprechenden Belastungen erzeugen Reize, die zu entsprechenden Anpassungen im Organismus führen. Der wettkampforientierte Reiter wird deshalb sein Pferd bezüglich dieser Belastungsmerkmale anders aufbauen als der reine Breitensportler. Unterm Strich ist wichtig, dass es weder zu Überforderung noch zu Unterforderung kommt. Die Trainingsintensität und -dauer eines Sportpferdes ist deshalb auf jeden Fall eine andere als die eines Freizeitpferdes. Und doch können sich beide darunter wohl fühlen. Das ist letztlich nicht anders als beim Menschen. Während der eine regelmäßig seine 20 Kilometer nach der Arbeit joggt und sich dabei nicht besonders angestrengt fühlt und vielleicht sogar gerade den nächsten Marathon anvisiert, ist der andere mit den für die reine Gesunderhaltung angestrebten 10.000 Schritten pro Tag durchaus ausgelastet.

Ein flotter Sprint bringt Herz und Lunge vom Pferd auf Hochtouren – Belastungsspitzen sind ausdrücklich positiv für die Gesundheit. Foto: Stefan Lafrentz

Langsam steigern

Allerdings, auch dies ein wichtiges Prinzip, sind weder die 20 Kilometer noch die 10.000 Schritte festgeschrieben. Nach einer längeren Zeit reichen diese Anforderungen letztlich nicht mehr aus, um überschwellige Belastungsreize zu setzen. Eine Trainingssteigerung in kleinen Schritten ist hier deshalb durchaus sinnvoll und kann Wohlbefinden und körperliche Leistungsfähigkeit auch noch verbessern. Das geht allerdings nur, wenn das Training nicht übertrieben wird. 

Der Wechsel zwischen Belastung und Erholung ist für den Trainingsfortschritt und auch für die Gesunderhaltung wichtig. Wer täglich von seinem Pferd körperliche, konditionelle und mentale Höchstleistungen erwartet, liegt genauso falsch wie derjenige, der von seinem Pferd so gut wie nichts verlangt. Überforderung ist, unter gesundheitserhaltendem oder -förderndem Aspekt, genauso falsch wie Unterforderung. Hier das passende Gleichgewicht zu finden, ist für Pferdesportler eine Frage von Wissen, (Reit-)Fertigkeit, Erfahrung und Gefühl. Grundsätzlich gilt jedoch: Auf einen Tag intensiverer Arbeit sollte ein Tag mit geringerer Intensität folgen, nicht zu verwechseln allerdings mit einem „Stehtag“. Leichte Arbeit, ein entspannter Ritt im Gelände oder lockere Bewegung an der Longe können hier angeboten werden und begünstigen Muskelerholung und damit gleichzeitig auch Muskelaufbau.

Von leicht bis intensiv 

Was unter „leichter“ und was unter „intensiver“ Arbeit zu verstehen ist, kann ebenfalls nicht über einen Kamm geschoren werden. Was für das hochtrainierte Pferd gerade mal eine mittlere Belastung ist, kann für das wenig trainierte Pferd bereits Überlastung sein. Auch das Alter ist maßgeblich, denn für ein junges, gerade angerittenes Pferd sind zwei, höchstens drei Tage pro Woche unter dem Reiter anfangs absolut ausreichend. Ebenfalls hinsichtlich der Intensität der Belastung muss hier sehr behutsam vorgegangen werden. Die 20 Minuten, die bei einem bereits länger gearbeiteten Pferd gerade mal die Aufwärmphase darstellen, sind für einen Youngster bereits Aufwärm- und Arbeitsphase in einem. Ältere Pferde sollten möglichst täglich in wechselnder Intensität gearbeitet werden, wobei diese Arbeit wiederum dem vorher über Jahre geltenden Trainingszustand angepasst werden muss.

Goldenes Lernalter 

Die Frage, wann ein junges Pferd mit dem angepassten Training beginnen und wann das alte Pferd wie aus dem Training herausgenommen werden soll, ist ebenso nicht so einfach zu beantworten. Für junge Pferde gibt es, ähnlich wie bei Kindern und Jugendlichen, so etwas wie ein „goldenes Lernalter“, in dem sie Neues schneller annehmen als im späteren Alter. Allerdings hängt dies auch wiederum von der jeweiligen körperlichen Reife ab. Ein bereits recht „fertiges“ junges Pferd kann früher angeritten und leicht gearbeitet werden, ein noch extrem im Wachstum befindliches möglicherweise später. Erfahrene Reiter fühlen, welchem Youngster sie nach dem Anreiten noch mal ein halbes Jahr mehr Zeit auf der Weide geben und mit welchem sie schon beginnen können.

Gutes Management ist entscheidend: Bei Einzelhaltung in der Box reicht eine Stunde Bewegung unterm Reiter nicht aus, um den täglichen Bewegungsbedarf zu decken. Foto: Christiane Slawik

Mit Augenmaß

Immer wieder hört man Stimmen besorgter Pferdefreunde, die vor dem Hintergrund möglicher Überforderung des jungen Pferdes für ein möglichst spätes Anreiten plädieren und dafür gesundheitliche Argumente ins Feld führen. Die Wissenschaft hat allerdings Gegenteiliges herausgefunden.Pferdewissenschaftlerin Prof. Dr. Uta König von Borstel vom Institut für Tierzucht und Haustiergenetik an der Justus-Liebig-Universität Gießen hat sich sogar einmal die Mühe gemacht, 21 wissenschaftliche Untersuchungen zu den Auswirkungen eines frühen Anreitens auszuwerten. Dabei ist nachdrücklich herausgekommen, dass ein eher früher Trainingsbeginn im Gegensatz zu einem eher späten mit einer besseren Gesundheit des Skeletts und bezüglich der Sportpferde auch einer längeren sportlichen Karriere verbunden ist. Wichtige Voraussetzung für diesen gesundheitsfördernden Prozess sind allerdings auch die entsprechende pferdegerechte Haltung und ein maßvolles Aufbauen. Mit dem Training beginnen, heißt nämlich nicht alles annehmen, was das talentierte Jungpferd vielleicht anbietet. Die Entwicklung des Knochen- und Gelenkapparates, Stichwort Knochenfugen, lässt sich nicht abkürzen und verbietet zu hohe Trainingsintensitäten und schwere Lektionen.

 

Wie viel Bewegung braucht ein Pferd?

Das sagen die Leitlinien: „Pferde haben […] einen Bedarf an täglich mehrstündiger Bewegung.“ So geben es die Leitlinien zur Pferdehaltung des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) vor. Dabei gilt: Bewegung ist nicht gleich Bewegung. „Kontrollierte Bewegung, also Arbeit und Training, beinhaltet nicht die gleichen Bewegungsabläufe wie die freie Bewegung, bei der die Fortbewegung im entspannten Schritt überwiegt, aber auch überschüssige Energie und Verspannungen abgebaut werden können“, so die Leitlinien. Was folgt, ist essenziell: „Daher kann kontrollierte Bewegung die freie Bewegung nicht vollständig ersetzen.“ Dr. Christiane Müller, Tierschutzbeauftragte und öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für Pferdehaltung, -zucht und -sport, ordnet ein: „Es gibt ein Mindestmaß an Bewegung, das jedes Pferd benötigt. Und das muss täglich gegeben sein. Mehrstündig bedeutet mindestens zwei Stunden. Das ist das absolute Minimum, das nicht unterschritten werden darf.“ Der Pferdebesitzer kann den täglichen Bewegungsbedarf eines Pferdes dabei in Kombination decken, sagt Müller, beispielsweise durch das Reiten in Kombination mit Weidegang oder Zeit auf dem Auslauf. Pferde, die nicht kontrolliert bewegt werden können, wie zum Beispiel Jungpferde oder Zuchtstuten, brauchen unbedingt täglich mehrstündige freie Bewegung.

Angepasst im Alter

Ob und wann schließlich auch das ältere Pferd (noch) trainiert werden kann und sollte, hängt ebenfalls von jedem individuellen Fall ab. Nicht umsonst heißt es oft, der 20 oder 25 Jahre alte Oldie „wird nur noch von Muskeln zusammengehalten“. Auch das ist sicher abhängig zum einen von den Genen, zum anderen aber auch vom Grad der Aktivität. Wer mit Erreichen des Rentenalters nur noch auf der Couch sitzt, tut nicht viel für seine Gesundheit, wer sich weiterhin in seinen Möglichkeiten (leicht überschwellig) bewegt, ist immer besser dran und wirkt Muskel- und Kraftabbau entgegen. Immer gilt dabei: Training muss angepasst sein.

Überforderung erkennen

Zu beurteilen, ob ein Pferd bei der Arbeit mit dem Reiter über- oder unterfordert ist, ist nicht immer ganz einfach. Langfristige Unterforderung lässt sich oft an schlecht ausgebildeter Muskulatur erkennen, an mangelnder Federkraft und geringer Kondition. Überforderung ist schwieriger zu erkennen. Häufig hört man Reiter, die schon im Schwitzen eines Pferdes eine Überforderung sehen und Alarm schlagen. Dabei ist Schwitzen nicht per se abzulehnen, es ist sogar gesund, denn es dient der Abkühlung eines sich erwärmenden Organismus. Ein Pferd, das nicht schwitzt, könnte bei entsprechenden hohen Temperaturen und körperlicher Anstrengung sogar gefährlich überhitzen. Allerdings muss man als Reiter oder Trainer genau hinschauen. Schwitzt ein Pferd übermäßig, obwohl es kaum körperliche Anstrengung erfährt, ist es vermutlich Schweiß durch übermäßige Nervosität oder gar Angst. Diese Art von Schwitzen ist nicht gesund, sondern sollte ein Alarmsignal sein und Hinweis auf ein falsches Training. Auch Schweiß, der dem Pferd in der Arbeit in Strömen vom Körper tropft, ist schlecht und ein möglicher Hinweis auf Überforderung.

Niemals im Hauruck

Wer sein Pferd letztlich Richtung Sport oder gar Leistungssport hin trainieren will, kann dies nicht im Hauruck-Verfahren tun. Eine systematische, langsam zunehmende Steigerung von Belastungsreizen ist ebenso wichtig wie ein sich langfristig aufbauender Trainingsplan, um zum gewünschten Zeitpunkt – dem nächsten Turnier oder Championat – die optimale Leistungsfähigkeit aufgebaut zu haben und auch abrufbar zu machen. 

Auch Reiten im Gelände kann Training sein. Foto: Christiane Slawik

Training darf auch anstrengend sein. Dabei ist Fingerspitzengefühl gefragt, um Anstrengung und Überforderung zu unterscheiden. Foto: Jacques Toffi

Bleiben diese regelmäßigen und dauerhaften Belastungsreize aus, verliert das Pferd schnell wieder an Fitness und Leistungsfähigkeit. Allerdings gilt hier, ebenso für weniger hoch trainierte Pferde, dass Abwechslung in Intensität und auch Art der Bewegung enorm wichtig ist. Immer gleiche Trainingsreize können auf Dauer nämlich zu einer Stagnation führen.

Abwechslung ist Trumpf

Fürs Reiten heißt das: Nicht immer nur das Gleiche tagein tagaus vom Pferd verlangen, sondern die Intensität des Trainings ebenso immer wieder abwechselnd gestalten wie die Inhalte, also mal Dressur, mal Springen, mal Geländeritte, mal eine Schrittrunde bergauf und bergab oder einen flotten Canter und gern zwischendurch auch mal Boden- und Geschicklichkeitsarbeit zur Verbesserung der allgemeinen Koordination. Und ganz wichtig: Pausen. Sie sollten innerhalb von jeder Trainingseinheit eingebaut werden, um dem Pferd sowohl kurz körperliche als auch mentale Erholung zu ermöglichen. Auf lange Sicht lernen Pferde so auch viel schneller und zufriedener. Wer sich nicht sicher ist, ob ein Päuschen innerhalb der Arbeit ausreichend ist, sollte mal kurz anhalten und die Atmung seines Pferdes überprüfen. Ein Blick nach rückwärts Richtung Bauch/ Lende des Pferdes genügt. Je schneller sich die Atmung des Pferdes nach Belastung wieder regeneriert, desto besser trainiert ist es übrigens.

Angepasstes Training wirkt bei alten Pferden dem Muskel- und Kraftabbau entgegen. Foto: Christiane Slawik

Wichtig für Körper und Geist: Erholungsphasen nach intensivem Training. Foto: Jacques Toffi

Pferdewohl im Blick

Überhaupt ist es bei der Arbeit – egal auf welchem Niveau – immer wichtig, genau hinzusehen und zu fühlen, um zu verhindern, dass aus Fordern und Fördern Überfordern wird. Dauerhaft angelegte Ohren, ein angespannter Gesichtsausdruck, eine verspannte Lippenpartie, Zähneknirschen, ein pinselnder Schweif oder auch deutlich bemerkbare Abwehrreaktionen wie massive Schreckhaftigkeit, Ausschlagen, Bocken, Steigen oder auch latente Lahmheiten deuten auf punktuelle oder längerfristige Überforderung von Körper und Geist hin. Letztlich müssen Training und Trainingsintensität zum Pferd passen, müssen Alter, Ausbildungsstand, Typ, Interieur und Exterieur, Gesundheitszustand, ja sogar Tagesform berücksichtigt werden. Wem es als Reiter gelingt, all dies immer im Blick zu halten, der wird sehr lange viel Freude an und mit seinem Pferd haben. Und dann ist irgendwann im hohen Alter auch der wohlverdiente „Liegestuhl“ für den Oldie in Ordnung. Denn diesen Vorteil bietet der Mensch dem Hauspferd gegenüber dessen wilderen Artgenossen in Freiheit. 25, 30 oder mehr Jahre alt werden dort die wenigsten.

Dr. Britta Schöffmann

 

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