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Pferd mit Job
Arbeiten, wo andere Urlaub machen
Tamme, Zugpferd von Spiekeroogs Museumspferdebahn
inselmuseum-spiekeroog.de/pferdebahn
Foto: Nordseebad Spiekeroog GmbH
Tinker Tamme und Museumspferdebahn-Betreiber Christian Roll ziehen eine lange Tradition hinter sich her: Denn auf Spiekeroog rollte von 1885 bis 1949 eine Pferdebahn zwischen Ort und Badestrand. Spiekeroog ist die einzige ostfriesische Insel, deren Weg zum Strand damals wie heute über einen Kilometer weit führt. Ab 1949 löste eine Diesellok die Pferde ab. Diese Inselbahn fuhr bis 1981. Christian Rolls Vater konnte anschließend die Gleise nutzen, kaufte in Stuttgart einen offenen Museumsbahnwaggon mit der Nummer 21 und gründete im selben Jahr noch die Museumspferdebahn. Seit 2014 führt Christian Roll sie mit Tinker Tamme und den zwei weiteren Tinker-Mix- Wallachen Eddy und Hugo. Der offene Waggon Nummer 21 fasst 16 Fahrgäste. Die Strecke ist dank neuer Weiche und einer Deichdurchfahrt seit vergangenem Jahr 1,8 Kilometer lang. Es ist die einzige pferdegezogene Museumsbahn Deutschlands mit Regelfahrplan – von Ostern bis Oktober.
Dürfen wir vorstellen? Tamme, 16 Jahre alt, Irischer Tinkerwallach, der gebürtig aus England kommt. Besitzer ist der Inselmuseums-Verein von Spiekeroog.
Berufsbezeichnung: Museumspferdebahn-Pferd.
Kurzcharakteristik: „Tamme ist ein absoluter Goldschatz und ein Herzensbrecher: Viele Inselgäste kommen und besuchen ihn, streicheln ihn. Dieses Pferd ist für mich ein Riesenglück. Ich weiß nicht, ob ich mit einem anderen Pferd das Vertrauen in das pferdegezogene Bahnfahren gewonnen hätte“, beschreibt Christian Roll.
Foto: Simone Rabba
Aktuelle Tätigkeit
Tamme zieht den offenen Museumsbahnwaggon vom westlichen Ortsende bis zum Weststrand. Unterwegs zieht die Inselnatur wie auf einer Kinoleinwand in Slow Motion an den Fahrgästen vorbei. Der Tinker trägt ein Brustblattgeschirr und läuft neben den Gleisen. Der Zughaken für das Ortscheit hängt an der vorderen rechten Ecke des Waggons. Tamme läuft barhuf auf dem sandigen Pfad – der Hufschmied kommt regelmäßig vom Festland zu den Inselpferden. Tammes Leinen hält Christian Roll in Händen. Während der Fahrt erzählt der Pferdebahner von der Historie und von Tamme. Der, sagt er, habe als Museumsbahnpferd einen viel leichteren Job als Reit- oder Kutschpferde: Eine Bahn auf Schienen zu ziehen, sei in der Bewegung geradezu ein Kinderspiel: „Der sogenannte Rollwiderstand von Eisen auf Eisen beträgt fünf Kilogramm pro Tonne Fahrzeuggewicht. Der Wagen wiegt eine Tonne, mit Passagieren sind es etwa zwei Tonnen“, erklärt er. Auf einer normalen Straße sind es je nach Untergrund zehn bis 30 Kilogramm pro Tonne. Wenn Tamme den vollbeladenen Waggon zieht, spürt er davon einen Widerstand von etwa zehn Kilo – so schwer wie ein handelsüblicher Salzleckstein. Die Fahrt beginnt am Pferdebahnhof mit Bahnsteig und Wagenhalle am westlichen Ortsrand. Nach 1,8 Kilometer und etwa 30 Fahrtminuten ist das Ziel erreicht: am Weststrand der Rettungsschuppen von 1909. Dort haben Pferd und Passagiere etwa 40 Minuten Pause – Tamme döst, trinkt und knabbert am Heu. Die Gäste besuchen den Rettungsschuppen. Der Backsteinbau beherbergt eine Ausstellung der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) und ein Café mit Aussichtsterrasse. Dann geht es wieder zurück. Die Tour dauert inklusive Aufenthalt 90 Minuten. Tamme marschiert sie in der Saison täglich zweimal. Das dritte Mal am Tag springt einer seiner Nachwuchskollegen ein, Hugo oder Eddy.
Besondere Kenntnisse und Fähigkeiten
Ein Museumsbahnpferd braucht Verlässlichkeit, Gelassenheit, Grundruhe, „eine Grundwurschtigkeit“. Das ist wichtig, weil: „Ich bin unterwegs Reiseleiter“, sagt Christian Roll. Während er die Fahrgäste unterhält, kontrolliert Tamme selbständig den Waggon. Der Eisenkasten scheppert und rumpelt schon mal auf den Eisenschienen – kein Vergleich zu Gummireifen von Kutschen auf Asphalt. Selbst wenn Tamme mal erschrickt, ist er im nächsten Moment wieder ruhig. Genauso souverän ist er, wenn es um den inseltypischen Weitblick geht – andere Pferde werden da schon mal guckig.
Lebenslauf
Tamme kommt aus England – mehr ist nicht bekannt. Der Tinkerwallach lebt seit 2013 auf Spiekeroog – damals kam er als junges Nachwuchspferd zur Inselbahn. Christian Roll lernte ihn 2014 kennen. Tamme war noch nicht eingefahren, und Roll war bis dahin vor allem Eisenbahnfan. Also ab zum Crashkurs: Im Fahrstall Eichengrund im Emsland lernten beide das Fahren von Grund auf – vom ABC bis zum Kutschenführerschein. Weil eine Kutsche jedoch kein Eisenbahnwagen ist, kam Ausbilder Peters anschließend nach Spiekeroog und coachte die beiden auf der Schienenstrecke. Tamme wurde zum zuverlässigen Museumsbahnpferd und Christian Roll zum Inselbahner. Das war im Mai und Juni 2014. „Tamme hat das von Anfang an ganz tapfer und ohne Angst gemacht“, erinnert sich Christian Roll. Im Juli 2014 absolvierte Tamme seine erste offizielle Fahrt als Inselbahnpferd.
Alltag
Morgens um sieben Uhr begrüßt Tamme Christian Roll mit leisem Grummeln – entweder holt er ihn aus dem Offenstall der drei Bahnpferde oder im Sommer von der Nachtweide. Das Tagesprogramm beginnt je nachdem mit Rau- oder Kraftfutter und dem Putzen. Vor dem Anspannen und Losfahren um elf Uhr erledigt Christian Roll die Büroarbeiten, schiebt den Wagen zum Bahnsteig. Dann starten die Fahrten. Nach Feierabend werden die Pferde wieder versorgt. Abgesehen vom regulären Fahrplan ziehen Tamme und die Kollegen die Museumspferdebahn auch für Sonderfahrten.
Freizeitausgleich und Sonntagsarbeit
In der Saison gibt es keine Ruhetage – dafür sorgen die recht regelmäßigen Sturm- oder Hitzetage. Mit diesen haben Tamme und Kollegen genügend freie Tage. Ab dem 1. November ist der Deichdurchlass vorsorglich geschlossen, Schutz vor den Sturmfluten im Winterhalbjahr. Die beiden Tinker-Mixe ziehen dann aufs Festland. Weil Tamme so ein umgänglicher Gentleman ist, zieht er in die Offenstallgemeinschaft von zwei Islandpferdewallachen und einem Süddeutschen Kaltblüter. In der Winterzeit reiten Insulanerinnen mit Tamme aus, das ist mehrmals pro Woche sein Bewegungsprogramm.
Tamme und Museumspferdebahn-Betreiber Christian Roll sind ein eingespieltes Team. Fotos (2): Stefan Lafrentz
Ausbildungsleiter
Christian Roll und Martin Peters.
Wie würde das Zwischenzeugnis lauten?
Christian Roll braucht keine Zeugnis-Floskeln: „Tamme ist ein Goldstück und das größte Glück meines Lebens.“
Arbeit im Alter – Rentenversicherung
„Das dauert noch“ ist Christian Roll sicher. Tamme wird gut gepflegt. Einmal jährlich gibt es ein großes Blutbild – bisher immer unauffällig. Die Arbeit ist relativ leicht, so kann Tamme noch lange laufen. „Ich habe mir aber auf die Fahne geschrieben, dass ich mich um ihn kümmere. Vielleicht wird er auf der Insel ein Streichelpony, in jedem Fall ist seine Rente sicher“.
Cornelia Höchstetter
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