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Wie viel Training braucht ein Pferd?
Medizinische Gadgets
Heilsam oder teure Illusion?
Der Markt an frei verkäuflichen Geräten mit Gesundheitsversprechungen wächst seit Jahrzehnten. Doch was bewirken Produkte, bei denen Laien selbst Hand anlegen? Wo endet Wohlgefühl, wo beginnt eine therapeutische Wirkung – und wo liegen Risiken? Wann ist Eigeninitiative sinnvoll, wann sind echte Fachleute gefragt? Das PM-Forum im Doppel-Interview mit Pferde-Physiotherapeut und -Osteopath Stefan Stammer und Tierärztin und Pferde-Chiropraktikerin Dr. Henrike Lagershausen.
Geräte mit medizinischen Versprechungen gibt es viele – doch wo können Laien bedenkenlos Hand anlegen und was sollten sie lieber Profis überlassen? Foto: Christiane Slawik
PM-Forum: Faszienrolle, Magnetfelddecke, Infrarot-, Laser- oder elektromagnetische Geräte – seit einigen Jahren sind immer mehr Hilfsmittel aus dem Gesundheitsbereich auch für Laien erhältlich. Da bildet die Pferdebranche im Vergleich zur Humanmedizin keine Ausnahme. Doch macht das alles Sinn?
Dr. Henrike Lagershausen: Das Angebot an sogenannten Geräten und Hilfsmitteln ist mittlerweile sehr groß und auch für mich als Tierärztin nicht mehr vollständig zu überblicken. Viele Produkte werden insbesondere über Social Media beworben und versprechen schnelle, einfache Lösungen für unterschiedlichste Probleme. Diese Werbeversprechen haben einen erheblichen Einfluss auf Pferdebesitzer. Alles, was dem Pferd nicht schadet, sein Wohlbefinden unterstützt und den Besitzer dazu anregt, sich bewusst mit seinem Pferd zu beschäftigen, Zeit mit ihm zu verbringen und seine Reaktionen aufmerksam zu beobachten, ist grundsätzlich nicht zu verteufeln. Allein das Zeitnehmen und die intensive Beschäftigung mit dem Partner Pferd hat einen positiven Effekt. Diese Anwendungen bewegen sich in der Regel im Bereich der „Wellness-Maßnahmen“ und nicht der medizinischen Therapie. Eine klare Grenze sehe ich dort, wo tierärztliches Handeln erforderlich ist, zum Beispiel bei akuten Verletzungen, Lahmheiten, entzündlichen Prozessen oder anderen Erkrankungen. In solchen Fällen können Hilfsmittel eine tierärztliche Diagnose und Behandlung nicht ersetzen und dürfen nicht ohne Rücksprache mit dem Tierarzt eigenständig eingesetzt werden.
Stefan Stammer: Sie sprechen mechanische und elektromagnetische Hilfsmittel an. Bei allem Mechanischen, was die Berührung des Menschen unterstützt, wie Faszienrollen, Stäbchen oder Ähnliches, kommt es auf Intensität und Richtung der Bewegung an, die der Mensch durchführt. In der Regel geht das nicht über einen gewissen Wellnessfaktor durch die Berührung hinaus. Bei den durch elektromagnetische Wellen wirkenden Geräte wie Magnetfelddecken ist es ähnlich. Ich meine: So gut wie alle Geräte, die frei verkäuflich für Laien auf dem Markt sind, haben eine Wirkungsweise gemeinsam – den Placeboeffekt.
PM-Forum: Herr Stammer, wie kann ein Placeboeffekt beim Pferd wirken?
Stefan Stammer: Der Placeboeffekt hat eine wissenschaftlich nachgewiesene Wirkungsweise und kann reale körperliche Reaktionen auslösen. Er kann Schmerzen messbar lindern, er kann die Herzfrequenz senken, den Muskeltonus senken oder erhöhen. Berührung ist mit der wichtigste Effekt für einen Placebo – das Anwenden der Geräte ist immer mit der Berührung der Pferde verbunden, und wenn es nur das Streicheln ist, während der Mensch eine Decke auflegt.
Zur Gesundheitsprophylaxe besser als jedes Gadget: richtig reiten und gymnastizieren. Alles nach den Grundsätzen der klassischen Reitlehre. Fotos (3): Christiane Slawik
Eine pferdegerechte Haltung mit viel freier Bewegung beugt vielen Problemen vor.
Man darf den Placeboeffekt nicht unterschätzen und schon gar nicht schlecht reden. Wenn der Placeboeffekt eingebettet ist in eine gesamte therapeutische Maßnahme, die ein Profi plant, kann das im Einzelfall eine sinnvolle Ergänzung sein: ob das über diverse Geräte passiert, über Übungen, Bandagen, Druckpunkte oder wie auch immer. Zuwendung, Gespräche, Berührungen können durch Mediziner und geschulte Therapeuten in bestimmten Grenzen Heilung auslösen, auch beim Pferd.
Rechts, links – das Pferd lässt sich auf einer Hand besser stellen und biegen, tut sich auf der anderen schwer? Kein Grund zur Panik oder für ein neues Gadget. Das ist völlig normal.
PM-Forum: Und wie hängen Placeboeffekt und Erwartungshaltung zusammen?
Stefan Stammer: Es gibt den so genannten „Caregiver-Placebo-Effekt“: Durch die Erwartungshaltung von Arzt, Therapeut und Tierbesitzer wird deren Wahrnehmung so stark verändert, dass Verbesserungen bemerkt werden, obwohl objektive Untersuchungsmethoden gar keinen Unterschied finden können. Diese Erwartungshaltung steigt meiner Beobachtung nach signifikant mit dem Preis des Gerätes. Wenn Sie erst einmal 5.000 Euro oder mehr ausgegeben haben, wollen Sie auch, dass das Gerät funktioniert.
Der Caregiver- Placebo-Effekt ist deshalb problematisch, weil hier die Wirkung im Gegensatz zum echten Placebo fehlt und die Einbildung im Vordergrund steht. Die entscheidende Frage beim Einsatz von Geräten und Behandlungen ist aber: Welche Wirkungsweise gibt es über den Placebo-Effekt hinaus? Und da wird die Studienlage für die freiverkäuflichen Geräte sehr dünn. Manche angeführte Studie ist entweder handwerklich schlecht gemacht, von Menschen, die selbst davon profitieren, oder von den Herstellern selbst geschrieben.
PM-Forum: Wie gehen Sie als Therapeut mit dem Placebo-Effekt um?
Stefan Stammer: Ich mache mir das jeden Tag wieder bewusst, dass ich immer auch mit dem Placeboeffekt arbeite. Ich weiß es, ich versuche ihn zu steuern, und ich versuche auch, mich selbst immer wieder zurückzunehmen. Was war ich? Was war Placebo? Was weiß ich nicht? So bleibe ich in einer vernünftigen Beurteilung.
PM-Forum: Was ist mit den Hersteller-Versprechungen der Geräte?
Stefan Stammer: Das sind meistens „Kann“-Formulierungen: kann lindern, unterstützen oder etwas fördern. Das ist eine rechtliche Grauzone, die ausgenutzt wird. Medizinische Heilsversprechungen sind nämlich laut Heilmittelwerbegesetz verboten, wenn es um frei verkäufliche Geräte geht. Wenn es um medizinische Arzneimittel oder Geräte geht, muss die Pharmaindustrie die Wirkung durch Doppelt-Blindstudien nachweisen. Erlaubt hingegen ist das Bereitstellen von Erfahrungsberichten. Sehr frei dagegen ist die Influencer-Szene: Die Influencer dürfen sagen: „Bei meinem Pferd hat das die Schmerzen gelindert“. Da greifen die rechtlichen Vorgaben nicht.
Dr. Henrike Lagershausen: Es wird häufig mehr versprochen, als die Geräte und Anwendungen letztlich leisten können. Das liegt in der Natur von Produktwerbung. Dieser Markt ist wenig reguliert und wissenschaftliche Evidenz oft nur eingeschränkt vorhanden. Oft finden sich lediglich Erfahrungsberichte oder vage Formulierungen. Ich empfehle Pferdebesitzern, sich vor dem Kauf sehr genau zu überlegen, welches konkrete Ziel sie mit einem Gerät verfolgen. Anschließend sollte beim Hersteller gezielt nach wissenschaftlichen Grundlagen gefragt werden – zum Beispiel nach Studien, Wirkmechanismen und klar definierten Einsatzgebieten sowie auch Grenzen der Geräteanwendung. Ebenso wichtig ist die ehrliche Selbstreflexion, ob ein bestimmtes Hilfsmittel im individuellen Fall tatsächlich sinnvoll ist. Idealerweise kann ein Gerät vor dem Kauf getestet oder ausgeliehen werden. Grundsätzlich bin ich bei neuen Produkten erst einmal skeptisch – lasse mich aber gerne durch fundierte Daten, die Darlegung klarer Anwendungsgebiete sowie deren Grenzen überzeugen.
Magnetfelddecke & Co.: Wird für Gadgets viel Geld ausgegeben, gibt es auch eingebildete Effekte auf die Pferdegesundheit. Fotos (3): Christiane Slawik
Soll verspannte Muskeln lockern und für Schmerzlinderung sorgen können: die Elektrotherapie mit einem Reizstromgerät.
Kleine Gadgets, große Wirkung? Faszienroller sind frei verkäuflich und werden angepriesen als unverzichtbar für jeden Pferdebesitzer, der Verspannungen seines Pferdes lösen möchte.
PM-Forum: Können mechanische oder elektromagnetische Hilfsmittel schaden?
Dr. Henrike Lagershausen: Ja, das ist durchaus möglich, dass sie schaden. Wird beispielsweise eine akute Verletzung oder ein entzündeter Bereich eigenständig mit einer Massagepistole, intensiver Vibration oder ähnlichen Anwendungen bearbeitet, kann dies nicht nur für das Pferd unangenehm und schmerzhaft sein, sondern auch den Schaden verschlimmern. Für Pferdebesitzer ist es entscheidend, die eigenen fachlichen Grenzen sowie die Grenzen eines Hilfsmittels zu kennen.
Sobald Verletzungen, Entzündungen, Lahmheiten oder andere Erkrankungen im Raum stehen, ist eine tierärztliche Abklärung zwingend notwendig. Richtig eingesetzt, können Hilfsmittel das Wohlbefinden unterstützen und – in Absprache mit den behandelnden Tierärzten – in bestimmten Fällen auch die Rekonvaleszenz begleiten. Sie ersetzen jedoch keinesfalls tierärztliche Diagnose und Therapie.
Stefan Stammer: Mechanische Hilfsmittel können als Form von Massage oder Zuwendung durchaus angenehm sein. Werden sie jedoch gezielt und intensiv zur vermeintlichen Behandlung einzelner Strukturen eingesetzt, besteht das Risiko unerwünschter Effekte wie Überbeweglichkeit oder Instabilität. Entscheidend ist außerdem die Intensität: Elektrische Geräte mit tatsächlich relevanter Wirkung unterliegen medizinischen Vorschriften und dürfen nur von Fachleuten angewendet werden. Frei verkäufliche Geräte sind daher in ihrer Intensität meist so begrenzt, dass sie zwar kaum Schaden anrichten, aber auch keine spezifische therapeutische Wirkung entfalten.
Bewährt: Einfach mal zur Putzbürste greifen, den ganzen Körper bearbeiten und dabei die Reaktionen vom Pferd wahrnehmen. Foto: Thoms Lehmann
PM-Forum: Magnetfelddecken sieht man in Sport- und Freizeitställen, sogar in Kliniken – warum boomen sie so?
Stefan Stammer: Das ist hohe Psychologie – und ein sehr komplexes Thema. Ich kann mir das nur mit dem emotionalen Druck im Pferdebereich erklären, der in den letzten 30 Jahren immer mehr aufgebaut wurde. Im Grunde reitet heute bei jedem das schlechte Gewissen mit – meiner Meinung nach. Es gibt ein unterbewusst schlechtes Gewissen nach dem Motto: Wenn ich mich schon aufs Pferd setze, dann muss ich konsequenterweise dem Pferd auch etwas Gutes tun. Manchmal wundere ich mich, wofür manche Pferdebesitzer Geld ausgeben.
Unbedacht eingesetzt, können Massagegeräte fürs Pferd auch unangenehm sein und in manchen Fällen sogar Schaden verschlimmern. Foto: Sabine Brose/galoppfoto.de
PM-Forum: Hat dann ein Kraulen oder Massieren des Pferdes mit den bloßen Händen einen ähnlichen wohltuenden und lösenden Effekt wie teure Geräte?
Stefan Stammer: Ganz genau, zum Erreichen des positiven Placebo-Effektes reicht das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und in den wohltuenden innigen Kontakt zum eigenen Pferd. Wohltuend für Körper und Seele für beide. Das kann man nicht kaufen.
Dr. Henrike Lagershausen: Das hängt sicherlich vom jeweiligen Gerät ab. Grundsätzlich bin ich jedoch der Meinung, dass der direkte Kontakt zwischen der menschlichen Hand und dem Pferdekörper durch kein technisches Hilfsmittel vollständig zu ersetzen ist. Beim manuellen Massieren oder Kraulen können Muskelspannung, Temperaturunterschiede oder Veränderungen und vor allem auch Schmerzreaktionen des Pferdes sehr gut wahrgenommen werden. Zudem lernt die menschliche Hand dadurch erst das Fühlen und Wahrnehmen von individuellen Veränderungen am Pferdekörper. Diese direkte Rückmeldung geht meiner Meinung nach bei vielen Geräten verloren oder wird zumindest verfälscht. Darüber hinaus fördert diese Art der Berührung die Beziehung zwischen Pferd und Mensch.
PM-Forum: In welchen Krankheitsfällen sind Behandlungen durch Laien nötig oder sinnvoll?
Stefan Stammer: Wenn man von einer Behandlung spricht, setzt das professionelle Maßnahmen von ausgebildeten Menschen voraus. Das andere ist Kümmern und Pflegen und Versorgen. Krankheiten und Verletzungen behandeln und untersuchen darf nur ein Tierarzt. Ausgebildete Physiotherapeuten können bei funktionalen Störungen des Bewegungsapparates durchaus hinzugezogen werden. Physiotherapeuten sind darauf geschult zu erkennen, wann sie ihren Kompetenzbereich verlassen und wann ein Tierarzt hinzugezogen werden muss. Selbst hier befinden wir uns in einer rechtlichen Grauzone.
Dr. Henrike Lagershausen: Medizinische Behandlungen sind Aufgabe des Tierarztes oder der Tierärztin. Was Pferdebesitzer jedoch leisten können und sollten, ist eine gute Begleitung und Versorgung des Patienten: sorgfältige Beobachtung des Pferdes, korrektes Management, angepasste Bewegung sowie das Einhalten von Therapieplänen. Bei chronischen Erkrankungen oder in der Rekonvaleszenzphase können einfache Maßnahmen – wie kontrollierte Bewegung, manuelle Lockerung im schmerzfreien Bereich oder unterstützende Anwendungen – sinnvoll sein. Allerdings immer in enger Absprache mit dem behandelnden Tierarzt oder unterstützt und angeleitet durch eine ausgebildete Fachperson, zum Beispiel einen Physiotherapeuten. Ziel sollte es sein, die Therapie und das Management sinnvoll zu ergänzen.
PM-Forum: Machen wir uns zu viel Sorgen um unsere Pferde? Und können sich Sorgen auf die Tiere übertragen?
Dr. Henrike Lagershausen: Wie bei Kindern oder Hunden machen sich auch Pferdebesitzer häufig sehr viele Sorgen. Das ist menschlich und drückt Fürsorge und Zuneigung aus. Problematisch wird es, wenn diese Sorgen das Handeln bestimmen, Unsicherheit erzeugen oder dazu führen, dass das Pferd übermäßig geschont oder „in Watte gepackt“ wird.
Das Pferd und seine Körpersprache aufmerksam zu beobachten, drückt Fürsorge aus. Foto: Christiane Slawik
Pferde sind sehr feinfühlig und reagieren auf die Körpersprache und Stimmung ihres Menschen. Unsicherheit, Anspannung oder Angst können sich durchaus auf das Pferd übertragen und dessen eigenes Verhalten negativ beeinflussen. Ein ruhiger, klarer und souveräner Umgang und eine Schulung der eigenen Beobachtungsgabe – was ist wirklich da, was bilde ich mir ein? – sind daher oft die beste Unterstützung für das Pferd.
Stefan Stammer: Danke für diese Frage. Es gibt nämlich den weitgehend unbekannten, inzwischen aber immer mehr untersuchten großen gemeinen Bruder des Placebos: das sogenannte Nocebo. Dieser überträgt Sorgen und Ängste tatsächlich ganz direkt auf das Pferd. In meiner inzwischen über 25-jährigen Erfahrung sehe ich diese Tendenz rasant steigen. Das ist ein ganz alltägliches Problem. Es gibt auch Aussagen von Therapeuten oder Ärzten, die einen Nocebo-Effekt auslösen können. Wenn jemand sagt: „Wenn du so weitermachst, bekommt das Pferd auf jeden Fall einen Sehnenschaden“, erzeugt das Angst. Und Angst macht Menschen zögerlich – das spüren Pferde. Solche Warnungen und negativen Aussagen können wirklich Schaden anrichten. Das ist auch so mit diversen Krankheitsbildern: Man darf so etwas wie ECVM (Anmerkung der Redaktion: Equine Complex Vertebral Malformation, Veränderung im Bereich der unteren Halswirbelsäule) nicht völlig kleinreden, solche Krankheiten sind nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber bevor irgendwelche Erkenntnisse von der Tiermedizin wissenschaftlich bestätigt werden, ist die komplette Maschinerie schon in Gang gesetzt: Es gibt Therapieformen, Reha- Konzepte, Zusatzfutter, Therapien, Behandlungen – es gibt alles auf dem Markt. Das ist eine riesige Welle. Und das macht dann wirklich krank. Wenn Sie sagen: Mein Pferd hat ECVM, dann wird dieses Pferd Funktionsstörungen entwickeln. Das ist der Nocebo-Effekt. Es wird Zeit gegenzusteuern und Nein zu sagen. Wenn im Internet Filme und Geschichten kursieren, werden Ängste so groß gemacht, dass das kaum noch aufzuhalten ist. Und genau hier möchte ich den Druck ein wenig rausnehmen – viele Dinge stimmen einfach nicht! Nach meiner Erfahrung werden viel zu oft Alltagsprobleme zu Krankheiten gemacht.
Einmal vortraben, bitte! Bei gesundheitlichen Auffälligkeiten ist immer zuerst der Austausch mit und die Vorstellung beim Tierarzt ratsam. Foto: Stefan Lafrentz
PM-Forum: Herr Stammer, können Sie bitte ein Beispiel nennen?
Stefan Stammer: Ein klassisches Beispiel: Ein Pferd biegt sich nach rechts schlechter. Das ist zunächst völlig normal – Pferde haben seit jeher eine starke und eine schwächere Seite. Der sinnvolle Weg ist Gymnastizierung: korrekt, über längere Zeit. Das ist mühsam, dauert und klappt nicht immer. Problematisch wird es, wenn daraus sofort ein Krankheitsbild gemacht wird: „Blockade in der fünften Rippe“, „ISG draußen“, „Atlas blockiert“, und wenn es zum immerwährenden Kreislauf wird: Wird das therapeutisch als Krankheit definiert, entsteht beim Reiter zusätzlich Druck und Schuldgefühl – du sitzt falsch, du reitest nicht gut genug – deshalb muss der Therapeut alle zwei Wochen kommen oder man beginnt sein Pferd selbst mit bestimmten „Geräten“ zu therapieren…
PM-Forum: Könnte eine größere Sorglosigkeit die Lösung sein?
Stefan Stammer: Es geht nicht um Ignoranz, sondern darum, wieder zu einer gewissen Normalität zurückzukommen. Zu „sich kümmern“ gehört auch: erst einmal schauen, wie es dem Pferd geht. Natürlich gibt es Punkte, an denen ein Therapeut sinnvoll ist. Entscheidend ist, ob er einen seriösen Vorschlag macht und einen auf einem Lösungsweg begleitet, der am Ende im aktiven Reiten mündet. Ist ein Pferd rechts steif, ist der erste Ansprechpartner eigentlich der Ausbilder. Kümmern heißt auch: Gehe ich aus der Situation mit mehr oder mit weniger Sorgen heraus? Der reale Arbeitsprozess ist Gymnastizierung, mit der Akzeptanz, dass nicht alles perfekt läuft – weder beim Pferd noch beim Reiter. Niemand ist perfekt, das wird im Reitsport zu wenig akzeptiert. Braucht es Hilfe, ist bei funktionalen Themen der Ausbilder der erste Ansprechpartner, bei gesundheitlichen der Tierarzt. Danach können gut ausgebildete Physiotherapeuten sinnvoll unterstützen – professionell, mit Berufsethos, und ohne Unsicherheit und Sorgen weiter zu verstärken.
Therapeutische Behandlungen sollte nur eine gut ausgebildete Fachkraft durchführen, die auch ihre Grenzen kennt und weiß, wann lieber ein Tierarzt hinzugezogen werden sollte. Foto: Christiane Slawik
Wo sitzt das Problem? Fachleute verschaffen sich erstmal einen Überblick über das Pferd, bevor sie mit der Behandlung beginnen. Foto: Christiane Slawik
PM-Forum: Stefan Stammer ruft auf zum Zurück zu mehr Normalität – wie ist ihr Empfinden dazu, Frau Dr. Lagershausen?
Dr. Henrike Lagershausen: Das spricht mir sehr aus der Seele. Die Grundlagen müssen stimmen. Dafür sollte man sich auf die wirklich wichtigen Aspekte besinnen: Eine pferdegerechte Haltung mit viel freier Bewegung, eine bedarfsgerechte und leistungsangepasste Fütterung sowie eine vielseitige Ausbildung nach den Richtlinien für Reiten und Fahren bilden für mich das Fundament eines gesunden Pferdes. Wenn diese Basics erfüllt sind, braucht es in der Regel kaum Zusatzmaßnahmen oder Geräte. Sie sind die Basis für ein motiviertes, gut trainiertes, leistungsfähiges und langfristig gesundes Pferd, das seinem Besitzer über viele Jahre Freude bereiten kann.
Das Interview führte Cornelia Höchstetter.
Foto: Pferdesport Deutschland
Zu den Personen
Dr. Henrike Luise Lagershausen aus Warendorf ist seit 2016 leitende Veterinärin von Pferdesport Deutschland, studierte und promovierte Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin und absolvierte an der International Academy of Veterinary Chiropractic (IAVC) ihre Zusatzausbildung als Chiropraktikerin.
Foto: privat
Stefan Stammer aus Baiersbronn im Schwarzwald ist ein international tätiger Osteopath für Pferde sowie ausgebildeter Physiotherapeut (für Mensch und Pferd), außerdem staatlich geprüfter Sport- und Gymnastiklehrer sowie Buchautor im FNverlag (u.a. „Das Pferd in positiver Spannung“).
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