Ausbildungstipp von Christoph Hess

Über die Schulter „ausbrechen“

Wenn ein Pferd über die äußere Schulter ausfällt, nimmt es in der Regel die Reiterhilfen nicht genügend an oder entzieht sich seinem gegen die Bewegung sitzenden Reiter. Mit welchen Übungen das Problem behoben werden kann, erläutert Christoph Hess.

Frage

Auf der rechten Hand weicht meine sechsjährige Stute immer über die äußere Schulter aus. Sie klebt sozusagen an der Bande. Rechts werden auch die Zirkel größer, als ich es gerne hätte. Auf der linken Hand ist es genau gegenteilig, da drängt sie nach innen. Wenn ich dann den äußeren Zügel vermehrt annehme, lässt sie sich innen kaum stellen. Sie beißt sich dann gerne fest und reagiert nicht auf den inneren Schenkel. Liegt das nur an der natürlichen Schiefe des Pferdes oder gibt es andere Gründe? Wie kann ich mir die Dressurarbeit ein wenig erleichtern?

Katrin Oeß, per Mail

Dass Pferde über die äußere Schulter ausbrechen, ist ein häufig anzutreffendes Phänomen, das sich mit dem Problem der „natürlichen Schiefe des Pferdes“ erklären lässt. Doch damit ist das Problem nicht gelöst. Pferde, die sich auf einer gebogenen Linie – ohne Anlehnung an die Bande – nicht auf der gewünschten Linie bewegen, sind im Regelfall nicht genügend vor dem Reiter an dessen treibender Hilfe. Wie stellen Sie als Reiterin fest, dass Ihr Pferd an Ihren Hilfen steht? Sie müssen jederzeit die Tritte und Sprünge Ihres Pferdes verlängern und mit genügend „Zug“ nach vorne auch wieder verkürzen können. Sind Sie dazu in der Lage, dies an der Bande – aber auch genauso auf dem offenen Außenviereck oder noch besser im Gelände – durchzuführen, dann werden Sie das Problem mit der gebogenen Linie leicht überwinden können; denn Sie können mit Ihrer Körpersprache dem Pferd den eindeutigen „Befehl“ geben, wohin Sie reiten wollen – um entweder auf einer größeren Zirkellinie oder auf einem enger gebogenen Kreis zu reiten. Pferde, die nicht nach vorne ziehen, werden ausweichen, weil ihnen das vermehrte Unterfußen mit dem inneren Hinterbein schwer fällt. Insofern heißt die Devise: Erst das Vorwärts, und dann danach „in die Kurve“, also auf die gebogene Linie.

Der Blick reitet

Mit Ihren Augen sollten Sie die vorgesehene offene Seite Ihres Zirkels „abreiten“. Ihre Stute muss dabei den treibenden Impuls vorbehaltlos annehmen, während Sie bewusst mit Ihrem Blick den Weg, den Sie reiten wollen, antizipieren. Dadurch setzen Sie Ihre kinästhetische Hilfengebung, die in einem hohen Maße unbewusst bzw. automatisch erfolgt, ein. Sie geben Ihrer Stute den Hinweis, wohin sie sich bewegen soll. Dabei ist es wichtig, den inneren Gesäßknochen vermehrt zu belasten und in die Bewegungsrichtung hinein zu sitzen. Oftmals entsteht das von Ihnen aufgezeigte Problem nur deshalb, weil Reiter nicht in die Bewegung sitzen, sondern in der Hüfte einknicken und dadurch (unbewusst) ihr Gewicht auf den äußeren Gesäßknochen verlagern bei gleichzeitig vermehrtem (unbewusstem) Einsatz des inneren Zügels. Sie sitzen dadurch zur falschen Seite.

Haben Sie sich selbst in diesem Zusammenhang sowohl auf der rechten als auch auf der linken Hand „unter Kontrolle“, dann sollten Sie Ihre Stute für die seitwärts treibenden Schenkelhilfen sensibilisieren. Deshalb müssen Sie in den nächsten Trainingsschritten sicherstellen, dass Ihr Pferd das Schenkelweichen – zunächst im Schritt, später auch im Trab – sowohl auf der rechten, als auch auf der linken Hand problemlos absolviert. Gibt es hier Widerstände, muss die Arbeit des Sensibilisierens des Pferdes für den seitwärts treibenden Schenkel weiter verfeinert werden. Sie benötigen diese Einwirkung, um Ihre Stute vom inneren Schenkel her an den äußeren Zügel heranzureiten. Hier ist der innere Schenkel gefordert. Er hält das Pferd zum Vorwärtsgehen an und biegt zugleich das Pferd, wodurch es veranlasst wird, mit dem inneren Hinterbein vermehrt unter den Schwerpunkt zu fußen, um dadurch die Hanke des inneren Hinterbeines vermehrt zu beugen. Dieser Prozess dient in hohem Maße der Geraderichtung des Pferdes – wir sprechen in diesem Zusammenhang von der sogenannten „geraderichtenden Biegearbeit“. Das Biegen ist wichtig, damit das Pferd den Kreisbogen auf einem größeren und ebenso auf einem kleineren Radius absolvieren kann – und das „geradegerichtet“, in dem sich Vor- und Hinterhand des Pferdes auf der gleichen gebogenen Linie bewegen. Die Hinterhand darf dabei nicht ausweichen, wobei die Vorhand vor die Hinterhand gerichtet ist. Das ist ein wichtiges Ausbildungsprinzip. Neben dem inneren Schenkel spielen auch der äußere Zügel und der äußere Schenkel eine wichtige Rolle. Sie haben die Funktion, das Pferd außen zu begrenzen. Diese Hilfen werden dann benötigt, wenn das Pferd vermehrt „über die äußere Schulter ausbricht“. Spüren Sie hier beim Reiten Widerstände, dann ist in Ihrem Ausbildungskonzept etwas nicht in Ordnung. Die Gründe können folgende sein: Ihr Pferd ist nicht wirklich zwischen Ihrem Sitz, Ihrer Gewichts- und Schenkelhilfe und Ihren Händen. Das heißt, Sie spüren nicht die Bewegung der Hinterbeine und das Schwingen des Rückens in Ihren Händen. Mit Ihren Händen müssen Sie deshalb gefühlvoll ins Pferdemaul „hineinhorchen“. Sie müssen sich ganz sicher sein, nicht den inneren Zügel zu benutzen, um Wendungen zu reiten; denn ein Annehmen des inneren Zügels hat zumeist zur Folge, dass die Pferde über die äußere Schulter ausbrechen. Ihre Stute wird versuchen, sich auf diesem Wege dem Druck zu entziehen. Insofern ist es wichtig, dass Sie Wendungen stets mit nachgebender, feiner innerer Hand bzw. ganz sensibel abgestimmter Zügelführung ausführen.

Um Ihrer Stute, bei der sich das Problem des Ausbrechens schon nachhaltig verfestigt hat, zu korrigieren, können Sie die Gerte (ca. 80 bis 90 cm lang) an der äußeren Schulter einsetzen. Dadurch weisen Sie Ihrer Stute den Weg in das Innere des Zirkels hinein.

Bewegungsvorstellung

Neben diesen Übungen empfehle ich Ihnen, eine klare Bewegungsvorstellung von dem zu entwickeln, was Sie reiterlich erreichen wollen. Sie sollten sich deshalb vorstellen, in den Zirkel hinein zu reiten. Diese Bewegungsvorstellung soll Sie und Ihr Pferd veranlassen, den Zirkel zu verkleinern. Dieses erreichen Sie (speziell auf der rechten Hand) dadurch, dass Sie vermehrt nach innen sitzen. Durch Ihre Sitzposition „vermitteln“ Sie Ihrer Stute, sich in das Innere des Zirkels hinein zu bewegen.

Anders verhält es sich in Ihrem Falle auf der linken Hand. Ihr Pferd akzeptiert Ihren inneren Schenkel nicht genug und lässt sich nicht an den äußerem Zügel herantreiben. Hier ist es wichtig, das Pferd zu veranlassen, den inneren Schenkel vorbehaltlos zu akzeptieren, um an den äußeren Zügel herangetrieben zu werden. Da bei einem Pferd nicht zwei Dinge gleichzeitig erarbeitet werden können, sollten Sie zunächst versuchen, den inneren Schenkel so einzusetzen, dass Sie den äußeren Zügel in vermehrter Weise spüren und das unabhängig davon, ob das Pferd in richtiger Weise gestellt und gebogen ist. Verzichten Sie zunächst auf Stellung und Biegung und erarbeiten Sie nur das sensible Annehmen des inneren Schenkels und damit (als nächsten Schritt) das vermehrte Herantreten an den äußeren Zügel. Sie müssen in der Lage sein, vom inneren Schenkel her den Zirkel so zu vergrößern, dass Sie ihn auf Ihrem gewünschten maximalen Radius reiten können. Ein vermehrter Einsatz des inneren Schenkels muss hier sowohl sensibel als auch effektiv erfolgen.

Ist dies nicht der Fall, empfiehlt sich der gefühlvolle aber gleichzeitig energische Einsatz der Gerte an der Schulter, um dadurch Ihre Stute vermehrt nach vorne ziehen zu lassen. Oftmals ist das in den Zirkel hinein drängen das Ergebnis von zu wenig Zug nach vorne. Sollte Ihre Stute allerdings sensibel die vortreibende Schenkelhilfe annehmen und sie dennoch nicht in der Lage sein, den Zirkel zu vergrößern, empfiehlt sich der Einsatz einer ca. 1 m langen Gerte direkt hinter ihrem inneren Schenkel. Auf diese Weise wird Ihr Pferd angehalten, sich auf der gewünschten Kreislinie reiten zu lassen.

Christoph Hess

PM-Leserinnen und -Leser können sich bei Ausbildungsproblemen gerne an Christoph Hess wenden. Schildern Sie Ihre Schwierigkeiten kurz und bündig, die Redaktion wählt dann einen Beitrag für die Veröffentlichung aus. Wenn Sie ein gutes, druckfähiges Foto haben, können Sie dies selbstverständlich mitschicken.

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